Ausgabe 
28 (27.9.1868) 39
 
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Nr. LS

27. Septbr. 1868.

Wie sehr des Lebens rauher Sturmwind wüthe,

Sei eichenstark ihm nicht zum Spiel.

Doch weh'n die Frühlingsinste reiner Güte,

Sei wie der Blume schwanker Stiel.

Johannes Schrott.

Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.

(Fortsetzung.)

II.

Der Tod kehrt ein.

Heute roth, morgen todt."

Drei Monate waren seit oben geschildertem Abende verflossen, als Olcarius einesMorgens aus dem Hause des Stadlschreibcrs zu Langensalza trat, wo er so eben denbeiden Söhnen desselben eine lateinische Sprachstunde ertheilt hatte. Er war fröhlich undguter Dinge, denn der Vater seiner Schüler hatte diesmal ungewöhnlich pünktlich dasHonorar ihm ausgezählt. Er wickelte das Papicrchcu, welches das Geld in sich barg,von einander und, den blanken Gulden liebevoll beäugclnd, sprach er:Eigentlich habeich dich mit Sünden verdient, denn nicht für sechszchn Pfennige haben die Jungen indem Monat gelernt. Ich habe es dem Vater off.u herausgesagt; wenn er nun aberdarauf besteht, daß ich die Stunde» noch fortgeben soll, ist's dann meine Schuld?Zichu Groschen für Hauszins und fünf Groschen für eine Kanne Butter, die ich der Frau.Harnapp schuldig bin, gehen ab, bleibt mir noch ein Groschen übrig. Reicht dieser zueinem Schürzcnbaude hin? Schwerlich! Nein, es ist nichts, wenn mau die Buttergleich im Ganzen anschafft. Man verthut nur mehr davon und besser ist's, blos Dreier-stückchen wieder zu holen. O Oheim! willst Du wirklich nichts von Deinem armen Neffenmehr wissen, nachdem ihm die Mutter gestorben ist? Wenigstens eine Antwort, wennauch keinen Dukaten, hättest Du auf seinen Jahrwunsch ihm ertheilen können. Ach Gott !wie nöthig brauchte ich einen kleinen Zuschuß, denn wenn auch mein Magen gerne darbenwill, so sieht man doch auf den Kragen, der, wie der ganze Rock, nicht abgeschabter seinkönnte. Weder Bier noch Tinte reicht mehr aus, die weißgewordeucn Nähte und Ränderzu schwärzen und schier als Erbsen sieb könnte ich den Frack gebrauchen, an welchem keinStich mehr halten will."

Unter diesem Selbstgespräch hatte der Caudibat sein Stübchcn erreicht, wo er sichanschickte, Noten für den Siadtmufikus abzuschreiben. Es war eine Partitur, die sounleserlich geschrieben war, daß wirklich eine Candidaten-Gcduld dazu gehörte, die Stimmenherauszuziehen.

Soll das lis oder cis heißen?" fragte er sich nach einer Weile rathlos.Selbstauf dem Papier wird das Kreuz zum Elende!" Er probirte singend die Melodie.Beides klingt schlecht!" klagte erich mag lis oder ois nehmen."

Herr Magister! Herr Magister!" rief es hier ängstlich draußen. Dieser wurdeVon dem Rufe electrisirt, denn die Stimme klang wie diejenige Lieschens.

Das hat noch gefehlt!" sprach er aufspringend, indem er gewahrte, wie die ihmentfallende Schrcibfedcr einen ungeheuren Tintcnklex auf das Papier cpmacht hatte.Ach, Du bist's, Agathe," sagte er zu dem Mädchen, das ihm hastig entgegenstürzteWas willst Du, Kind?"