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»Die Obrigkeit," antwortete OleariuS — „welche auch die fehlenden Kosten dannzu tragen hätte."!
„Da sei Gott vor!" rief Lieschen eifrig. „Dann würde die Base wie ein Hundeingescharrt — ohne Sang und Klang — in einem Kasten, blos mit gelber .Farbeangestrichen."
„Und was schadet dies?" fragte OleariuS. „Nur die schändliche Habsucht der-jenigen Leute, welche von den Begräbnissen ihren Gewinn ziehen, hat die Pracht derLeichenbegängnisse zu einer Sache der Pietät und zu einem Wärmegradmesser gemacht,nach welchem man die Liebe zu dem Verblichenen abwägen will."
„Und sollten wir nicht einen Schwefelnden im ganzen Hause mehr behalten," ri^Lieschen, „wir lasten die Base ehrlich begraben."
„Auch trauern wir tief um sie," sprach Agathe, „in Krepp und Schneppe."
OleariuS schüttelte mit dem Kopfe und ging still vor sich hinlächclnd davon, nach-dem er sich erboten hatte, den Verlassenen mit Rath und That zur Hand zu sein, unddiese Hilfe mit dem lebhaftesten Danke angenommen worden war
Es war am Abend desselben Tages, als er von seinen Berufs - Geschäften wiederheimkehrte. Er fand die beiden Verwüsteten trostlos und in Thränen zerfließend.
„Wir haben die Erbschaft angetreten," sprach Lieschen, „aber die Leichenfrau willnicht eher Hand an die selige Base legen, der Tischler keinen Sarg fertigen und derSchneider keine Traucrklcider machen, als bis wir Geld geschafft haben. Nur einigezwanzig Groschen baares Geld haben wir vorgefunden, und nichts weiter."
„Das ist denn doch nicht möglich!" meinte der Candidat. „Die Base, die so geizigwar, hat das Uebrige gewiß versteckt, Sie haben gewiß noch nicht recht nachgesucht!" —Er selbst begann nun alle Küsten, Säcke und Winkel zu durchstöbern, aber Alles warvergeblich, es fand sich nirgend mehr ein Pfennig vor.
Schon war er mißmuthig und wollte seine nutzlosen Nachforschungen einstellen, als«r in einem Winkel einen alten großen Holzkasten erblickte, der zum Aufbewahren derSägspähne gedient hatte.
Als er auch diesen zu durchstöbern begann, konnte sich Lieschen nicht enthalten,vorwurfsvoll auszurufen: „Aber, Herr Magister! was machen Sie denn nur, Siekehren ja alles oberste zu unterst!"
„Lasten Sie mich, Lieschen!" entgegnete eifrig OleariuS, „und helfen Sie mir lieberein wenig das Ding da aus dem Winkel zu rücken, es ist entsetzlich schwer." Plötzlich
stieß er einen lauten Schrei aus, seine Hand, die in den Sägcspähnen herumgewühlt
hatte einen harten Gegenstand getroffen. Mühsam zog er ihn heraus, und erstarrt blickter, wie die nicht minder betroffenen Mädchen, mit weit aufgerissenen Augen auf eine»langen wollenen Strumpf, dessen schweres Gewicht seinen kostbaren Inhalt verrieth.
„Hurrah, wir haben sie, wir haben sie!" jubelte der Candidat, in diesem Augen-blick ganz vergessend, daß nur drei Schritte von ihm die Todte lag. — „Hurrah! w»Der ist, da sind auch noch Andere."
Don Neuem fuhr er nun mit seinen langen Armen in dem Sägespähnkasten herumund brachte richtig nach kurzer Zeit noch fünf Strümpfe zum Vorschein, welche an Ge-wicht dem erst getroffenen nichts nachgaben.
Agathe, deren scharfes Auge den befremdlichen Fund gemustert hatte, bekam zuerst
ihre Fassung wieder. „Das ist ja mein Strumpf," — rief sie aus, indem sie einen der
letzt sich präsentirenden Fündlinge emporhob — „mein Strumpf, von dem die selige Baseimmer behauptete, ich hätte ihn anf der Bleiche verloren. Ja, ja, er ist'S, ich kenne ihnhier an dem Zwickel. — Geld!" jauchzte sie dann, denselben emporhebend, „fünfund»stebenzig Thaler, hier stcht's mit Tinte darauf geschrieben."
Nun griffen auch Lieschen und der Candidat zu, und unbeschadet der Trauer über