Ausgabe 
28 (27.9.1868) 39
 
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die todte Tante, tanzten sie jauchzend und frohlockend in dem Stäbchen herum, je eine»gefüllten Strumpf in den Händen tragend.

Solche Strümpfe," meinte Olcarius lachend,vermögen einem Menschenkind schonauf die Beine zu helfen. Doch laßt uns einmal nachschauen, wie viel beträgt den»das Ganze?"

Es waren in runder Summe 600 Thaler in verschiedenen Münzsorten, die sie zu-sammen zähllcn. Den Hanptbcslandtheil aber machten alte Sechstel. Eine Abendmahl-zeit, so gut sie die Berlassenschaft der seligen Base darbieten konnte, vereinigte später daSfrohe Kleeblatt und die dabei getrunkenen zwei Kannen Bier ermuthigten den sonst sozurückhaltenden Candidaten dergestalt, daß er seine heimliche Neigung zu Lieschen uuver-holen an den Tag legte, ja sogar auf die Zeit anzuspielen wagte, wo er sie vcrhoffre,als Frau Pfarrcrin begrüßen zu können. Lieschen errölhete zwar über die verfänglichenReden, doch widersprach sie nicht.

Spät am Abend erst trennten sich die Glücklichen, und Olcarius stieg übcrsclig i»sein Kämmerlcin hinauf, den Schlaf zu suchen, der ihn aber noch lange floh.

(Fortsetzung folgt.)

Pflanzen Ungeheuer.

DaS größte Aufsehen hat in jüngster Zeit eine Wasserpflanze gemacht, die in Nord-Amerika heimisch und dort von Canada bis zu den Südslaatcii der Union, westlich aberbis zu dem Missisippi verbreitet ist. Dieser Fremdling wurde zuerst diesseits dcSAtlantischen Oceans im Jahre 1836 bei Waringlon in der englischen Grafschaft Lan-caster bei den« Auspflanzen ausländischer Wasserpflanzen bemerkt, und hat sich seitdemdurch ganz England und bis zu uns verbreitet.

Die Llockua cunucknnsis, so heißt die Pflanze, besitzt eine grenzenlose Zähigkeit derLebenskraft, verbunden mit überreicher Sprosscnbildung, ihre spröden Stengel sind zer-brechlich wie Glas und besitzen die Fähigkeit, auch in ihren kleinsten Bruchstücken Wurzelzu schlagen und sich zu felbstständigen Einzelwesen zu entwickeln. So bildet sie dannwegen des unerhört schnellen Wachsthums, und da die Pflanze eine der geselligsten ist,überall, wo sie einmal Fuß gefaßt hat, in kürzester Zeit dunkelgrüne Dickichte.

So ist, wie die neuesten Nachrichten aus Hamburg melden, das dortige Alstcr-Bassin dermaßen von der Elodea durchwandert, daß man dasselbe nur mit der größte»Anstrengung schiffbar erhalten kann.

Ascherson erzählt in seinerFlora", daß die Elodea auch aus einem Teiche deSBerliner botanischen Gartens an zwei Stellen verpflanzt worden, von wo aus sie sichwahrscheinlich in dieser Gegend einbürgern werde; nämlich seit 1859 in Sanssouci undseit 1860 beim alten Wafserfall. Seine Bermuthung war leider nur zu sehr be-gründet. Die Havel , der schöne, sceartige Ltrom, in dessen blauem Wasser sich diemärkischen Landschaftsbildcr wicdcrspiegeln, dessen oft romantische Ufer schwankende Biusen-und Rohrdickichle umkränzen, gehört jetzt der Elodea an. Ein fremdes Element ist initder abenteuerlichen Pflanze in den Strom gekommen ein Element, das anschwoll uudsich reckte, als wolle es sich hier völlig heimisch machen.

Gegenwärtig ist diese Pflanze in der Havel auf einer Strecke von mindestens17 deutschen Meilen, vom Tegelcr-See an bis Havelberg als vollständig naiuralisirt an-zusehen, und steht nunmehr im Begriff, auch in die Elbe einzutreten. Noch schwimmtsie freilich namenlos in der Havel ; der Volksmund hat ihr noch keine populäre Benen-nung gegeben. Nur einzelne Stimmen haben den schauerlichen VorwurfWasserpest"auf das früher salonfähige Gewächs geschleudert, während in England die triviale Be-zeichnungWasserthymian" (lVitlartlizmi) für das pflanzengcographische Phänomen ge-bräuchlich geworden ist.