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Noch hadern wir so grimmig wie nur jemals;
(Wann einte wohl dir Herzen List und Raub?) '
Ob einem Trugbild nur von Einheit ziehst duDie Leier durch den Staub.
Du stammst von Deutschen nicht! Ein Deutscher spräche:
Soll deutsche Treu nicht länger mehr bestch'nUnd Ehrlichkeit, dann soll auch deutsche EinheitZum Teufel geh n!
Im September 1868 . ^nima Lavsricg.
Ein Haus aus Citronenschalen.
Es ist noch nicht lange her, daß man in Paris damit angefangen, die massenhaftweggeworfenen Citronenschalen zu sammeln und auf industrielle Weise zu verwerthen.Eine Frau ist es, die damit den Anfang machte und dadurch ein bedeutendes Vermögenerwarb. Ihr Gatte war Destillateur und arbeitete für Conditoren und Parfümisteu.Seine junge Gattin sah ihn oft an der Retorte, und da sie viel Intelligenz besitzt,eignete sie sich schnell manche Kunstgriffe an und lernte auch auf die praktischeste Weisedie Elemente der Chemie, so daß sie zuweilen ihren Gatten am Dcstillirkolbcn ersetzenkonnte. Da starb ihr Mann plötzlich und ließ die zwanzigjährige Wittwe in bedrängterLage zurück. Indem nun die junge Frau darüber Nachdachte, auf welche Art sie einStück Brod redlich verdienen könnte, fiel ihr ein, daß ihr Gatte einst, als er sie an einemSonntag in einer Restauration mit Austern regalirte und dieselben mit dem Safte derCitronen würzte, gesagt hatte: „Ein intelligenter Mensch könnte mit den Citronenschalen,die täglich aus den Mist geworfen werden, sich ein Vermögen erwerben." Ihr Entschlußwar schnell gefaßt. Sie nahm einen Korb und ging nach der Nuc Montorgcnil, einerStraße, wo die meisten Austern verspeist und folglich die meisten Citronen consumirtwerden. Die Kellner der Restaurationen und Kaffeehäuser, welche jeden Morgen diejunge hübsche Frau im Kehricht wühlen sahen, versprachen ihr, als sie die Ursache ihrerMorgenbcsuche erfuhren, den Borralh der Schalen sorgfältig aufzubewahren. Das gleicheVersprechen gaben ihr die Theaterkehrer in Bezug auf Orangenschalen, und nach kurzerZeit war die tägliche Ernte so reich, daß die Wittwe mehrere Sammler und Saunn-lerinncn von Citronen- und Orangenschalen in Die-'st nehmen mußte. Kurz, ehe dreiJahre vergingen, hatte sie ein großes Atelier, wo über zwanzig Mädchen mit demZubereiten, Trocknen, Verpacken und Versenden der Schalen beschäftigt waren, und einJahr später hatte sie sich in einer der belebtesten Straßen von Paris ein großes, mehrals hundert Parteien beherbergendes Zinshaus erworben, von welchem die mit den Ver-hältnissen der Frau bekannten Nachbarn sagten: „sie habe sich dasselbe aus Citroncn-schalen erbaut." Gegenwärtig hat sie sich von ihrem Geschäfte zurückgezogen und lebtausschließlich nur von dem Erträgnisse ihres Hauses und ihren Renten.
Außer diesem in Paris nunmehr von Hunderten von Personen ausgeübten Gewerbegibt es aber auch noch viele andere, oft noch geringfügiger scheinende Beschäftigungen,und nichts desto weniger fristen Tausende von Familien damit ihr Leben, ja, kommendadurch gleich der obcngcnanntcn Frau zu Reichthum und Ansehen. Da gibt es Leute,welche dafür sorgen, daß kein .-(igarrenstunipf, kein abgenagter Knochen, keine Austerschaleauf die Straße geworfen werde, ohne aufgerafft und verwendet zu werden. Einigelesen die Stauiolplättchen aus dem Kehricht auf, die als Umhüllung von Lyoncr Würsten,Brctagner Kuchen und Chokoladetafeln oder als Kappen zu Chainpagncrflaschen gedient.Sobald eine beträchtliche Mäste dieser Plättchcn aufgctricben ist, wird sie an einen Fabri-kanten verkauft, der sie uinschmelzcn und malzen läßt und wieder zu den eben genanntenZwecken an den Mann bringt. Der Flaschcustöpselfang bildet ebenfalls einen nicht un-