Nr. 4S
18. Octbr. 1868,
Augsbrrrger
Mnn schilt dich rechts, man schilt dich links —So bleibe in der Mitten.
Der bat nicht recht geschafft, gekämpst.
Der nicht auch was gelitten.
Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.
v.
Ein Schmerz für's ganze Leben.
Weh! weh! daß ich es sehen mußDu blickst so scheu!
Verlegen machet dich mein Gruß,
Du brächest die Treu? —
Wer den Zustand eines Liebenden kennt, wird begreifen, mit welcher Sehnsucht undUngeduld Olearius das Ziel seiner Reise, Langensalza , herbeiwünschte, auch dieser Wunscherfüllte sich endlich und Olearius eilte mit schnellen Füßen dem Hause zu, wo seintheuerstes Erdengut weilte. Wie freudig gedachte er Lieschen zu überraschen! Wiefreudig von ihr empfangen zu werden! Was hatte er für Sie und Agathen erduldet,gelitten, gewagt! Mußte sein Lohn nicht desto süßer werden? Die Linke in der Rock-tasche, bei den Kammerscheinen und seinem eigenen kleinen Schatze, sowie zwei Paargoldenen Ohrringen, die er für die Mädchen in Berlin gekauft hatte, klinkte er dieStubenthüre des Parterres leise auf.
Ha! da saß Lieschen am gewohnten Platze und liebreizender als je. Mit etwasgrößerem Feuer, als es einem ehrsamen Theologen eigentlich geziemte, stürzte Oleariusauf die Jungfrau zu, umfing das höcklich betroffene Kind und wollte einen Kuß auf denrosigen Mund drücken. Allein Lieschen wendete rasch das Köpfchen bei Seite, strecktewie abwehrend die Hände aus und sprach erröthcnd und verlegen zugleich: „Ach, HerrMagister, wie haben Sie mich erschreckt!"
Ueber diesen mehr als kühlen Empfang bestürzt, starrte Olearius seine Braut sprachlosan und gewahrte jetzt, wie zwei große goldene Ohrreifen mit köstlichen Perlen in derenOhren funkelten, wie die Trauerkleider bald einer anlockenden, Putzreichen Kleidung Platzgemacht hatten. Eben öffnete er den Mund, nach der Ursache dieser unverhofften Ver-wandlung zu fragen, als die Thüre hastig aufgerissen wurde und durch dieselbe ein bild-schöner Mann mit klirrenden Sporen hcrcineiltc, und ohne den Candidaten im Mindestenzu beachten, Lieschen umarmte Diese zwar wiederholte die vorige Pantomime desSträubens, erröthete noch höher als vorhin, und begleitete ihre Abwehr mit den Worten:„Pfui doch, Herr Lieutenant!"
Ein Menschenkenner jedoch würde den wahren Sinn dieser Rede, laut ihrer keines-wegs unwilligen Betonung, also übersetzt haben: „Aber, liebster Lieutenant, nimm dichdoch ein Bischen in Acht, siehst du denn nicht, daß noch ein unberufener Dritter unsbeobachtet?"
Wirklich verstand auch der Lieutenant den Wink sofort. Einen grimmigen Blickauf den versteinert dastehenden Störenfried werfend, hob er spöttisch zu Lieschen an:„Sage mir doch, mein süßes Lieb, was Du mit diesem Menschen hier anfangen willst?"
Und abermals zwang Lieschen ihre Stirn in finstere Falten, und wiederholte: