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„Pfui doch, gnädiger Herr! Es ist ja unser Hausgenosse, Herr Magister Olearius, dermeiner Schwester Agathe in der Woche einigemal Unterricht ertheilt."
„O er soll heute, morgen, die ganze Woche Ferien haben!" — lachte der Lieute-nant — «gewiß wird er mir Dank dafür wissen."
Diese Worte waren begleitet von einer Bewegung mit der Hand, welche den Can-didaten gehen hieß. Dieser aber schien plötzlich in eine Bildsäule verwandelt worden zusein. Unbeweglich, mit dem Ausdrucke des tiefsten Entsetzens, starrte sein Auge aufLieschen hin, welche, unfähig den Blick zu ertragen, sich auf ihre Arbeit niederbückte.„Hat der Herr mich verstanden?" fragte der Lieutenant ernst und trat auf die schwarzeBildsäule zu — „oder soll ich noch deutlicher reden?" Er zeigte auf die Thüre. Undvernichtet schlich Olearius durch dieselbe davon.
Wohl war es ein gewaltiger Schreck gewesen, als die Mauthbeamtcn die Sechstel-säcke in Beschlag genommen hatten. Wohl hatte ein tiefes Weh des Magisters Brustdurchschnitten, als er vom Oheim sich enterbt und verhöhnt gesehen. Wohl hatte seinHerz in tausend Aengsten gepocht, als er in Potsdam die Bittschrift emporgehalten. Waswar aber dies Alles gegen den namenlos unsäglichen Schmerz, der jetzt in seinem Innernwüthete, als er sich von der Heißgeliebten, für welche er freudig sein Leben hingegebenhätte, verleugnet sah? Das Herz drohte ihm unter den gewaltsamen Schlägen zu zer-springen. Vernichtet, fast von Sinnen, wankte er hinauf in sein stilles Kämmerlein.Zerschmettert sank er in seinen alten Lehnstuhl, sein Haupt, sein armes müdes Hauptbarg er in die Hände, und nur der eine Gedanke stieg wie ein flehender Seufzer zumHimmel empor: „O Mutter, Mutter, nimm dein armes Kind zu dir!" Plötzlich fielein heißer Tropfen in seinen Nacken. Mechanisch wendete sich sein Antlitz um undAgathe, seine Schülerin, barg weinend das Ihrige an dem Seinen. Und sie weinteimmer lauter und schmerzlicher ob der Schwester, der Verblendeten. Und ihre Thränenwirkten wie milder Thau auf die gebrochene Seele des Candidatcn, und die heißenTropfen schmolzen die starre Rinde, die sein Herz umfangen gehalten. Unaufhaltsambrachen Ströme aus seinen brennenden Augen, erst bitter und schmerzlich, nach und nachaber lindernd und beruhigend.
«Hier, Agathe," sprach Olearius, nachdem er sich wieder etwas gefaßt hatte, seineTaschen leerend — „hier hast Du, was ich Euch Beiden zugedacht. Diese verfaultenKirschen — diese teigig gewordenen Birnen von der königlichen Tafel — wollten sie mirnicht voraus deuten, daß all' meine freudigen Hoffnungen gleich wie sie verderbenwürden? Da, nimm diese Kammerscheine! Die Häifte gehört Dir — hebe sie sorgfältigauf — Du wirst ihrer einst gar sehr bedürfen, wenn Deine Schwester aus ihrem Rosen-traume schrecklich erwacht sein wird. Aber sage mir, wer ist die buntschillernde Schlange,die sich zwischen mir und Lieschen eingcschlichen hat?"
„Er ist ein preußischer Werbe-Offizier" — berichtete Agathe — „heißt Herr vonRosenthal und kam bald nach Ihrer Abreise hier an, wo er sich sofort an meine leicht-gläubige Schwester andrängte, und ihr nun alle möglichen Luftschlösser vormacht, dieeines Tages gewiß in ein elendes Nichts zerfließen werden. Ach, wie sehr habe ich sieschon gebeten, von dem schlechten Menschen abzulassen, der ein Spieler von Profession istund schon viele Mädchen unglücklich gemacht haben soll. Aber tauben Ohren nur habeich immer gepredigt. Lieschen ist verblendet und taumelt mit offenen Augen freudig inihr Verderben."
„Ja, ja," sagte Olearius gedankenvoll, „sie gleicht der Mücke, die Tausende ihrerSchwestern von den verzehrenden Flammen des Lichtes verbrannt und in Todeszuckungenliegen sieht, und sich nichts desto weniger in das verderbende Element hineinstürzt. Flehenwir zu Gott, daß er seine Engel sende, sie zu behüten, sonst ist sie rettungslos verloren."
Nachdem Agathe ihren Lehrer wieder verlassen hatte, und der Abend mit seinemtraurigen Dunkel hereingebrochen war, begann der Kampf von Neuem. Olearius ranz