Ausgabe 
28 (25.10.1868) 43
 
Einzelbild herunterladen

342

Zur Geschichte der Eisenbahnen «

Die großen Erfindungen, die der Menschheit zur Wohlthat gereichen, haben sichstets ihren Weg durch die abschreckendsten Hindernisse und die gröbsten Vorurtheile hindurchzu erkämpfen gehabt. In einem vor ein paar Jahren erschienenen Schriftchen:DerElektrische Telegraph als deutsche Erfindung/ in welchem Dr. W. Sömmering dieselbefür seinen Vater, Samuel Thomas v. Sömmering, in Anspruch nimmt und nachweist,wird erzählt, wie dergroße" Napoleon, als ihm die Sache vorgelegt und praktisch aus-einandergesetzt wurde, wegwerfend geäußert habe:6'öst uns ickss ^ermanique!" (Dasist so eine deutsche Träumerei!). Die Legung und Sicherung des Verbindungsseiles schiendem Soldatenkaiser zu schwierig und darum wies er die ganze gewaltige Erfindungdumm-hochmüthig von der Hand.

Wie derselbe große Napoleon über die Dampfkraft absprach, ist bekannt. Er warin solchen Dingen so klein , wie die kleinsten Geister. Heute, wo Telegraph und Dampfkraftden Weltverkehr vermitteln, werden manche mit fast ungläubigem Erstaunen auf die Schilderungder Hindernisse zurückblicken, die man ihrer Anwendung zuerst in den Weg gelegt hat.

Eine jetzt veröffentlichte Schrift, welche das Leben von zwei der größten IngenieureEnglands *) schildert, gibt darüber mancherlei traurig-komische Aufschlüsse. Die heftigsteOpposition gegen die Einführung von Eisenbahnen erfolgte anfänglich im englischen Par-lament unter den versammelten Vertretern der sog.Erbweisheit" und desGesammt- !

Verstandes." Dreimal verwarf das Parlament den Antrag auf Legung der Stockton- !

und Darlington- Linie, die eine der ersten in England war, ehe sich dasselbe zur !

Billigung dieses alstoll und unpraktisch" bezeichneten Projektes endlich herbeiließ. Es j

handelte sich damals vorerst nur um Benutzung der Bahn für Kohlen- und Waarenfracht. l

Groß war die Aufregung in Darlington , als die DampfmaschineNr. l", die ohne einen !

Zug fuhr, in einem angestellten Wettrennen mit der alten Postkutsche diese letztere um ^

100 Ellen schlug! DerPersoncnzug" war von den ersten Erfindern überhaupt kaum j

in Aussicht genommen worden. Noch im Jahre 1811, als man die Liverpool - und i

Manchestcrlinie projektirte, hielt man die Beibringung von Passagieren nur für ein ganz !

untergeordnetes Item in der Spekulation. Im Jahre 1825 glaubte noch Sir John ^

Harrow rathen zu können, man solle den Passagierverkehr möglichst im Hintergrund halten,um nicht die Feindseligkeit der Kutscher, Wirthe u. s. w. aufzuregen und dadurch dasUnternehmen von vornherein zu ruiniren;denn," sagte er,wozu all diesen Haßaufstören, um vielleicht im Jahr ein paar hundert Passagiere zu haben?" Fast bis zuThätlichkeiten verstieg sich die Opposition u. a. auf Lord Derby's Gütern, dessen Feld-hüter, dem ächten Tory-Jnstinkt folgend, gegen dir Landvermcsser gewaltsam einzuschreitendrohten. Wenig hätte gefehlt, so hätte man die Eisenbahn dort, in der einen Handdie Schaufel, in der anderen die Waffe, bauen müssen. ,

Die beleidigendste Behandlung mußte Stephenson erdulden, als er vor dem Parla-ments-Ausschuß befragt wurde.Sie werden,,, sagte Hr. W. Brougham zu ihm,durchIhre Idee, eine Maschine zwanzig englische Meilen in der Stunde fahren zu lassen, dieSache der Verdammung weihen und sich selbst als einen für's Narrenhaus reifen Menschenhinstellen!" Sir Astley Cooper erklärte sich gegen die ganze Idee, Eisenbahnen zu errichten,als eineabenteuerliche" undabsurde."Ei, meine Herren," rief er aus,wennsolche Dinge geschehen sollen, so werden Sie in einigen Jahren auch den Adel zerstörthaben!" Dies schien ihm nämlich das größte Unglück, das passiren könne. Ein ander-mal nahm ein Dutzend Advokaten den Ingenieur vor dem Parlaments-Ausschuß in'sVerhör. Einer derselben fragte:Herr, sind Sie irrsinnig?" Ein anderer:Sind Sievielleicht ein Ausländer?" (Foreigner" war damals noch ein bösartiges Schimpfwort.)

Lord Derby selbst (zu jener ZeitMr. Stanley") forderte die UnterhauSmitglieder auf.

*) Leben von Georg und Robert Stephenson. Bon Samuel Smiles .