343
„diese närrische und extravagante Spekulation nicht zu dulden." Was der edle Lord wohlheute zu seiner damaligen Eselei denken mag?
In Liverpool setzte ein anderer Wohlwciser — der später zum Rcgierungs-Jnspektorder Post-Dampfschiffe ernannt wurde! — sein Wort dafür ein, daß, wenn je eine Loko-motive mehr als 10 (engl.) Meilen in der Stunde fahren sollte, er sich. anheischig mache,„ein geschmortes Maschinenrad zum Frühstück essen zu wollen." „Ungeheurer Witz! bei'mJupiter!" wird wohl mancher englische Garde-Lieutenant ausgerufen haben. Nur einEnthusiast oder ein Fanatiker, meinte die konservative „Quarterly Review ", könne denabsurden Gedanken hegen, daß eine Lokomotive zweimal so schnell als eine Kutsche fahrenwürde. „Wir könnten" hieß es in dem Aussatz, „eben so wohl erwarten, daß sich dieLeute auf einer Congreve'schen Rakete in die Luft feuern ließen, als daß sie sich derGnade einer solchen Maschine anveriraueu würden " Heute reisen die Leute auf dieserCongreve'schen Rakete einigermaßen häufig. Im Jahre 1866 fuhren auf den englischenEisenbahnen 313,699,268, sage dreihundert und dreizehn Millionen, scchsmalhundertneunundneunzig Tausend, zweihundertachtundscchzig Personen. Die „Rakete" Platzt freilichmanchmal — in neuester Zeit etwas gar zu häufig; gleichwohl sind die Unfälle, imDurchschnitte genommen, verhältnißmäßig gering. Ein Witzbold, in welchem offenbardie irische Ader stark schlägt, hat berechnet, daß die Aussicht, gehängt zu werden (vonder doch Jedermann glaubt, daß sie ihn gar nicht betreffe) dreißigmal so groß sei, wiedie, auf der Eisenbahn getödtet zu werden. Dieselbe Autorität hat mit noch treffendereririscher Logik berechnet, daß, wenn ein Mann ewig leben könnte, und er täglich eineEisenbahnfahrt zu machen hätte, der Ausnahmsfall, bei dieser Gelegenheit getödtet zuwerden, ihn möglicherweise einmal in je 50,000 Jahren treffen könnte. Diese drolligenBerechnungen mögen immerhin zu einer gewissen Beruhigung dienen.
Wie lebendig es z. B. in London mit den Eisenbahnen zugeht, kann man auchfolgenden Ziffern entnehmen. An der Cannon-Strcet-Station gehen lägtich 527 Zügeaus und ein. An der Claphamer Zweigbahn etwa 700; an den verschiedenen anderenStationen der Haupstadt täglich 4000. Mit der Eisenbahn kamen im verflossenen Jahre6,000,000 Gallonen Milch — oder was als Milch ausgegeben wird, hier an; fernersechs Zhntcl der in London verzehrten Quantität Fische; 5000 Tonnen Welschhühner;172,000 Stück Hornvieh und 1,147,000 Stück Schafe. Wäre es nach den Toriesvom Derby-Schlage und ihrem Anhang gegangen, so wären diese Vierfüßler gewiß nichtgereist. Wohl hätten sich aber die Menschen selbst, gegenüber einer großen Erfindung,als das erwiesen, was man gewöhnlich einen „Schafskopf" nennt.
Der edle Krieger.
HWahre Begebenheit aus dem Jahre 1866.)
Der 27. Juni des Jahres 1866 entstieg den fernen Bergen, fröhliche Klänge be-grüßten ihn und wehten die Fahnen durch die Morgenluft. Das Regiment Gorizutti
marschirte gegen Neustadt an der Meltau, um dem bei Nachod anrückenden Feinde zu
begegnen und mit ihm den Waffentanz zu tanzen. Vor dem Kloster der Barmherzigenzu Neustadt wurde kurze Rast gemacht. In bunten Gruppen lagerten die Krieger undtrieben ihre Scherze, als ging's zum Hochzeitstanzc. Auch drinnen im Kloster herrschtereges Leben. Die Brüder machten Lagerstätten zurccht für Verwundete, die der heißeKampf ihnen senden werde. „Wo ist der Herr P Prior?" scholl mitten durch die
Geschäftigkeit die Stimme eines bärtigen Kriegers. — „Was ist Ihr Begehr?" fragteder nächststehcnde Bruder. — „Hier eine Karte vom Herrn Regiments - Kaplan." —Der Frater nahm sie ihm aus der Hand und verschwand. Nach wenigen Minuten
standen barmherzige Brüder an der Pforte und reichten den daselbst lagernden OffizierenWein und Brod. — „Ah, das stärkt, das erquickt!" rief Hauptmann A. P—ka, indem