Nr. 44 .
1. Novbr. 1868.
Da kein Mensck weiß, was er verlässt, was kommt darauf an, frühzeitig zu verlassen ?In Bereitschaft sein ist Alles.
Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.
Zweite Abtheilung.
VII.
Noch einmal der alte Fritz.
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,Mit Paukenschlag und Kling und Klang,Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.
Zwei Jahre sind seitdem verstrichen. Aus dem hagern, schüchternen Candidaten warmit der Zeit ein stattlicher Kriegsmann geworden, und wenn Olearius sich auch von all'den Rohheiten fern hielt, die nun einmal nicht ganz von dem Soldatenstande zu trennensind, und wenn er auch eine größere Ehre darein setzte, seine Zeit,.die nicht vom Dienstein Anspruch genommen war, zur Erholung und Veredlung seiner Seele anzuwenden,statt wie die meisten seiner Kameraden im Wirthshause die Paar Groschen zu verjubeln,so ließ er sich nichts desto weniger nie das Geringste zn schulden kommen, was ihn hättestraffällig machen können, und war deßhalb auch bei all' seinen Vorgesetzten als einbraver, ordentlicher Soldat beliebt und geachtet.
Um diese Zeit war es, daß dah Ncgimcnt, bei welchem er diente, seinen Standortwechselte und nach Berlin versetzt wurde, wenige Tage später war große Parade vordem Könige.
Olearius, welcher Dank seiner guten Conservirung und Körpcrlünge zum Flügel-manne avaneirt war, hatte sich so herausgeputzt und saß so stramm und fest in seinemSattel, daß selbst der Obrist, als er bei der Inspektion an ihm vorbeiritt, beifällig mitdem Kopfe nickte und halblaut zu seinem Adjutanten sagte: „Kapitaler Kerl das, sitztwie angegossen, hätte nie geglaubt, daß aus einem Pastor so ein Muster von einemSoldaten sich hcrausschnitzen ließ."
Olearius, welcher diese Worte gehört hatte, dachte innerlich: „O, wenn du wüßtest,welche Freude mir dieser Stand macht und du sehen könntest, wie sehr mir das Herz
blutet, denkt es der Vergangenheit, du wärest vielleicht ^weniger freigebig mit deinem Lob."
Keine Miene aber verrieth, was in der Seele des armen Candidaten vorging,denn unverändert blieb seine Haltung, und als eine heiße Thräne auS seinen Augensich stehlen wollte, zerdrückte er sie gewaltsam mit den Wimpern.
Plötzlich schmetterten die Trompeten. Der König, begleitet von einer glänzendenmit Orden nnd Sternen bedeckten Suite hoher Offiziere, kam herangesprengt. Nachdemer langsam an der Fronte heruntcrgcritteu war, hielt er sein Pferd an und befahl denVorbeimarsch des Regiments. Alsbald ertönten die Commandorufe. Die Züge schwenk-ten ab und unter den rauschenden Klängen eines kriegerischen Marsches dcfilirte dasRegiment in geschlossener prachtvoller Haltung an seinem Monarchen vorbei. Jeder Zug,wenn er an dem Könige vorübcrkam, ließ ein lautschallendes, begeistertes „Hurrah"