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konnte hier wohl den wunden Fleck seiner Seele erkennen. Endlich aber trug seinekräftige Natur doch den Sieg davon, sein Kopf wurde wieder klar, seine Gedankenordneten sich mehr und mehr und mit schnellen Schritten eilte er seiner vollständigenGenesung entgegen.
Mit der Besserung seines körperlichen Zustandes stellte sich jetzt aber ein tieferSeelenschmerz ein, wenn er bedachte, wie er aus dieser ihm so liebgewordencn Nutze nunbald herausgerissen und in das lärmende, seinem ganzen Wesen so sehr widerstreitendeSoldatenlcbeu wieder zurückkehren müsse.
Doch Woche auf Woche verging. Niemand schien sich um den nun gänzlich herge-stellten Candidatcn mehr zu kümmern. Freundlich, wie von allem Anfange an, wardas Benehmen der Angestellten und Doctoren des Krankenhauses, und jeder seiner leise-sten Wünsche wurde mit zuvorkommender Aufmerksamkeit vollzogen.
War es ein Wunder, daß Olearius nach und nach fast vergaß, daß er Soldat seiund sich ganz den so lange schmerzlich entbehrten Wissenschaften hingab!
Da, eines Morgens, trat eine Ordonnanz in's Zimmer, fragte nach dem HusarenOehlig, und als man denselben rief, wurde ihm erklärt, daß er sogleich seine Uniformanzuziehen und zu folgen hätte.
Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf diese Nachricht den armen Candida-tcn, alle seine Traumbilder, die er sich in letzterer Zeit mehr und mehr zur Wirklichkeitneugeformt hatte, zerstoben in Nichts vor der fürchterlichen Wirklichkeit und zernichtetwankte er nach seinem Platze.
„Ade, du süße Stätte der Ruhe und des Friedens" — seufzte er, — „Ade, duTraum einer schöneren Zukunft, ich bin verdammt, den Kelch des Leidens bis zur Hefezu leeren, für mich blüht auf dieser Welt kein Glück mehr."
Er strich die Thräne, die unwillkürlich in sein Auge getreten war, verstohlen hin-weg, und seinen Dollmann anziehend, und sich so gut wie möglich herausputzend, spracher gefaßt: „Wie Gott will!" und folgte gelüsten der rüstig voranschreitenden Ordon-nanz. Doch, wie erstaunte Olearius, als sein Begleiter nicht nach der Kaserne seineSchritte lenkte, sondern geraden Weges auf das königliche Schloß zusteuerte. Eine dunkleAhnung wollte in dem Candidatcn aufsteigen, daß das Geschick seines Lebens eine andereWendung nehmen könnte, doch hatte er nicht den Muth, den ihn führenden, grimmigdareiuschaucnden Kricgsmann anzusprechen, und so betrat er denn zwischen Angst undHoffnung schwebend, den königlichen Palast, woselbst die Ordonnanz ihn einem Kammer-diener übergab, der ihn in ein prächtiges Vorzimmer geleitete, und ihn daselbst einigeAugenblicke warten hieß. Wenige Minuten später erschien derselbe wieder, öffnete eineThüre und sagte zu dem regungslos auf demselben Flecke noch weilenden Candidatcn:
„Se. Majestät befiehlt Ihm, einzutreten;" schob den mehr schwankenden als gehen-den Magister in das Zimmer und schloß dann hinter ihm die Thüre.
Olearius befand sich in dem Arbeitszimmer des Monarchen, und vor ihm standder große König, auf seinen Krückstock gestützt, und betrachtete lächelnd den in höchsterVerwirrung hart an der Thüre sich bückenden, und unartikulirtc Töne ausstoßeudenCandidatcn, dessen kriegerisches Kleid gar nicht zu seinem Benehmen paßte und der soganz aus seiner Rolle gefallen war.
„Na, na, laß' Ec's nur gut sein," hob nach einer kleinen Pause der König freund-lich an, „steh' Er gerade, wie sich's für einen Soldaten paßt, und geb' Er mir kurzund bündig Antwort auf das, was ich Ihn fragen werde. Sag' Er mir, steckt Ergern in diesem Rock?" —
Olearius wußte nicht, was er auf diese Frage antworten sollte; lügen wollte ernicht, und die Wahrheit zu sagen, fürchtete er sich, denn er wußte wohl, daß Friedrichder Große den Soldatenstand höher als Alles Andere hielt. Er suchic deßhalb vergeblichnach Worten und seine Angst und Verwirrung wurde immer größer.