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Der König, der wohl merkte, wo ihn der Schuh drückte, fing an laut zu lachen,und indem er sich in einen Lchnstuhl niederließ, sagte er launig und wohlwollend:
„Na, komm Er ein paar Schritte nähcr, und erzähl' Er mir, was Ihn bewogenhat, die Theologie an den Nagel zn hängen, und dafür das Schwert zu ergreifen. Erbraucht sich vor mir nicht zu geniren, wir kennen uns ja nicht erst seit heute, und Erweiß wohl, daß ich immer sein wohlaffcctionirter König war. Darum heraus mit derSprache und frisch von der Leber weg."
Durch diese huldvolle Ansprache crmuthigt, wagte es Olearius, seinen Thürpostenaufzugeben und etwas weiter in das Zimmer zu treten. Aber noch immer wollte ihmnicht die rechte Courage kommen und noch viel weniger gelang es ihm, in zusammen-hängender Rede sein trauriges Schicksal dem König vor Augen zu führen.
Als der Monarch sah, wie der arme Candidat vergeblich nach Athem haschte undwie ihm jedes Wort in der Kehle stecken zu bleiben drohte, klopfte er Plötzlich mit seinemKrückstöcke auf die Erde und sagte dann mit gutmüthigem Spotte:
„Höre Er, mir will es scheinen, daß es Ihm unmöglich ist, vor lauter Zittern undZagen etwas ordentliches herauszubringen. Er quatscht da ein Zeug zusammen, worausder Teufel klug werden mag. Fang' Er die Sache einmal anders an. Nehme Er vonmir gar keine Notiz, sondern stell' Er sich vor. Er wäre in seiner Kammer und klagedem lieben Herrgott sein Leid, vor dem wird Er sich hoffentlich doch nicht geniren, pro-bire Er es einmal, vielleicht gcht's dann besser."
Und es ging bester. Olearius nahm seine ganze Kraft zusammen, und wenn auchim Anfange hie und da noch stockend, kam seine Rede doch bald in Fluß, und er be-richtete mit einfachen, klaren Worten alles, waö ihm seit der ersten Audienz, die er beidem Könige gehabt, widerfahren.
Er erzählte, wie er mit froher Seele nach Langcnsalza zurückgekehrt, wo er Liebeund Glück zu finden gehofft, und so furchtbar getäuscht sich gesehen; wie er dann dieStelle als Informator bei der Gräfin Koblenz angenommen, und wie er durch die bar-barische, schmähliche Behandlung daselbst auf's Acußerste. getrieben, und sich so weit ver-gessen, Hand an seine Herrschaft zn legen. Er machte auch kein Hehl daraus, daß nuxdie Furcht vor entehrender Strafe ihn vermocht habe, Soldat zu werden, und daß erdie Stunde für die glücklichste seines Lebens halten würde, in welcher es ihm vergönntsei, die strahlende Uniform aus und seinen abgetragenen, ihm aber über Alles in derWelt theueren Frack wieder anziehen zu dürfen.
Ruhig und mit großer Aufmerksamkeit hatte der König ihn ^angehört. Als Oleariusgeendet, trat der Monarch auf ihn zu und indem er ihn sachte irnf die Schulter klopfte,sagte er freundlich:
„Er ist ein braver Kerl. Er hat alle Schicksale, die Gott über Ihn verhängt,ruhig und in Demuth getragen, das gefällt mir. Ich habe mich nach Ihm erkundigtund nur Gutes von Ihm gehört, seine Lcidensschule soll ein Ende haben. Hier" —bei diesen Worten nahm der König ein zusammengefaltetes Papier von seinem Schreib-tische — „hier ist sein Dccret als zweiter Hofpredigcr. Bleibe Er in Demuth und Ein-falt vor seinem Herrgott wie bisher, und es wird -Ihm gut gehen. Und dann nocheins: Schaff' Er sich bald eine brave Frau in's Haus, damit Er das leichtsinnigeWeibsbild, die Lisbeth, vergißt, und wenn Er Kinder kriegt, so denkt Er an mich, beiseinem ersten Buben will ich Pathe stehen. Und nun Gott befohlen, Herr Hofpredigcr;doch halt, da hat Er auch noch Etwas zu seiner Einrichtung," -— dabei drückte er demlautlos und versteinert dastehenden Candidatcn eine Rolle in die Hand, zog dann dieGlocke und befahl dem eintretenden Kammcrherrn, dem neuen Hofpredigcr seine Wohnunganweisen zu lassen.
Wie Olearius auS des KönigS Gemach, durch die Vorsäle, die Treppen hinunterund nach seiner neuen Wohnung, die sich im linken Schloßflügel befand, kam, wußte er