Ausgabe 
28 (15.11.1868) 46
 
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Nr. 46 .

15. Novbr. 1868

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Warum zauderst du so mit deinen Schritten?"

Nur ungern mag ich ruhn,

Will ich aber was Gutes thun,

Muß ich erst um Erlaubniß bitten.

Nöthe.

Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.

ix.

Schluß.

.... und willst Du die Meine werden,

So will ich Dich tragen mit starkem Arm,

Auf des Lebens dornigten Pfaden.

Der nächste Tag verging in Abstattung und Empfangnahme von Besuchen. Olcariuswurde dabei von Personen heimgesucht, die er sonst kaum dem Namen nach gekannt, unddie es früher oftmals kaum der Mühe werth gehalten, den höflichen Gruß des armenCandidaten zu erwiedern. Jetzt freilich war das anders, denn jetzt hatte man ja nichtmehr den, in abgeschabtem Fracke für einige Groschen Stunden gebenden, unbedeutendenMagister, sondern den Hofprcdiger des Königs von Preußen, und wie man sich zuraunte,den erklärten Liebling desselben vor sich, und da war es natürlich eine Ehre, sich derfrüheren herzlichen Freundschaft erinnern und versichern zu können: man habe es jaimmer gesagt und prophezeit, der Herr Olcarius würde es noch einmal zu etwasGroßem bringen.

Herzlich Gott dankend, als es dunkel geworden und der lästige Schwärm der auf-dringlichen Bekannten und Unbekannten sich verlaufen, verließ der Hofprcdiger aus Furcht,noch einmal aufgehalten zu werden, fast wie ein Dieb so heimlich, seine Wohnung, umsich zu Agathen zu begeben, und in süßem Geplauder mit ihr den Abend zu verbringen.

Als er das trauliche Hinterstübchen betrat, wo Agathe gerade im Begriffe war, einKapitel aus der Bibel zu beenden, das sie jeden Abend der alten Frau vorzulesen Pflegte,erinnerte diese sich plötzlich, daß sie noch einen wichtigen Gang zu machen habe, und ehedie darüber bestürzten jungen Leute Einwand erheben konnten, hatte sie schon ihre altcr-thümlich hohe Haube aufgesetzt und verließ,gute Unterhaltung" wünschend, mit gut-müthigem schlauen Lächeln die Stube.

Verlegen saßen sich die beiden Zurückgebliebenen ein paar Minuten gegenüber.Vergeblich suchte Olcarius nach Worten, eine Unterhaltung einzuleiten, aber so oft erauch den Mund öffnete, es wurde kein Laut hörbar, und fast schien es, als blieben ihmalle Töi e in der Kehle stecken. Agathe ihrerseits strich sich schon zum hundertsten Maledie frisch gebügelte Schürze znrccht, und ein über das andere Mal flog ein glühendesRoth über ihre rosigen Wangen. Endlich ermannte sich der Hofprediger, und indem erauf eine feine Stickerei, die auf dem Arbcitstischchcn Agathcns lag, deutete, fragte er mithalblauter, merklich bewegter Stimme:Das haben wohl Sie gemacht, Fräulein Agathe?Ach, es ist so wunderhübsch!"

Betroffen blickte das Mädchen auf. ES war das erste Mal, daß OlcariusSie"zu ihr gesagt hatte. Bläffe und Nöthe wechselte in ihrem Gesichte, ihre Brust hob sichkrampfhaft und wie gebannt und geistesabwesend starrten ihre Augen den auf's heftigsteerschrockenen jungen Mann an. Dann aber Plötzlich schien ihr das Bewußtsein wieder