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zu gewähren. Wohl uns! die Wünsche sind erhört worden. Spät kam er — doch erkam, nämlich der Regen, und seine segnende Kraft hat er auf wunderbare Weise bewährt.Die wohlgekochten, aber schlecht entwickelten Beeren sind durch den Regen aufgequollen,die harten und dicken Häute sind weich und dünn geworden, so daß die gewonneneQuantität fast durchschnittlich um die Hälfte die früheren Erwartungen übertrifft. Ander untern Mosel , wo wir mehrmals in der Lese waren, hörten wir von vielen Seiten,daß Winzer, welche 2-4—6 rc. Fuder erwartet hatten, thachtsälich 3—6—9 rc. Fuderherbsteten. Der dadurch hervorgerufene Fäffermangel machte sich empfindlich bcmerklich,und während der Lese sahen wir die Winzer noch nach Fässern umherlaufen, die sie nun-mehr mit 13—15 Thlr. per Stück bezahlen mußten, während sie früher zu 8—9 Thlr.per Stück zu kaufen waren. Einen wcitern Uebelstand hat diese unerwartete Fülle anvielen Orten für die kleinern Winzer, welche gewohnt sind, ihren Herbst gleich ungekeltertan größere Winzer und Produzenten zu verkaufen, hervorgerufen. Da diese letztem ihreFässer meist von eigenem Gewächs voll erhalten, neue Fässer aber sehr theuer und fastnicht zu haben sind, so ist die Kauflust gering, und der kleine Mann muß seine ganzeErnte nicht selten für einen Spottpreis losschlagen, wsil ihm dieselbe sonst gänzlich zuverderben droht. An der untern Mosel wurde die Ohm im Faß meist zu 20 Thlrn.verkauft. Alles schaart sich um den jungen Helden, wie die Frauen Gevatterincn undNachbarinen um die Wiege eines jungen Kindes, seine geistigen Anlagen zu erforschenund prophetisch seine Zukunft zu deuten. Da wird mit sachverständiger Kennermiene probirt,geschlürft, hin und her erwogen und Urtheil gesprochen. Auch die Mvstwaagc, welcheden Zuckergehalt nach seinem spezifischen Gewichte angeben soll, wird erwartungsvoll inAnwendung gebracht. Diese Waage ist aber insofern ein unzuverlässiger Maßstab, alsder Most neben dem Zuckerstoff bekanntlich noch Weinstein und sonstige gallertartige Sub-stanzen enthält, welche in gleicher Weise wie der Zucker auf die Mostwage einwirken.Es kommt nicht selten vor, daß die Mostwaage bei dem Produkt aus geringeren Thallagenein günstigeres Resultat zeigt, als bei demjenigen aus besseren Berglagen, ohne daß dieMeine Dem entsprechend sich entwickelten. Das Warum ist leicht erklärlich, die Traubeim Thalboden nähert sich vielmehr und eher dem Zustande der Fäulniß als die Berg-traube und enthält eine größere Menge jener schleimartigen Stoffe aufgelöst, welche beimKeltern sich mit auspressen und sogleich dem Zuckergehalt bei Anwendung der Mostwaagesich geltend machen. Für den rechten Winzer und Weiukcnner bleibt indessen die Zungedas beste Maß, die Güte des Weines zu schätzen und auch schon prophetisch gleichsamvorherzusagcn, sobald der Most in das fedcrweise Stadium gekommen ist. Noch anschau-licher beweist die Kraft des jungen Helden die oft überraschende Wirkung, welche er aufKörper und Geist des Menschen ausübt, der sich aus besonderer Zuneigung mit ihm inintimere Verbindung gesetzt hat. Bereits hört man schon interessante Fakta über solcheWirkungen erzählen die den in früheren Jahren nach guten Weinernten vorgekommenensich würdig anreihen. Schon Horaz sagt, daß der Wein den Armen Hörner mache, daßsie sich vor nichts fürchteten; wir aber möchten fast, in Anbetracht der mancherlei Stöße,annehmen, daß der junge Wein selbst mit Hörnern auf die Welt komme. Gehen wirin diesen Tagen durch einen Weinort, so umweht uns überall ein eigenthümlicher lieblicherWeingeruch von der aus den Fässern und Kellern entweichenden Kohlensäure; und in denKellern selbst hören wir es brodeln und gähren, daß es eine Lust, aber nicht selten auchgefährlich ist, sich in den unterirdischen Gewölben dem jungen Helden zu nähern. Darumwarnt der Dichter:
.Es nahe keiner seiner Kammer,
Wenn er sich ungeduldig drängt
Und jedes Band und jede Klammer
Mit jugendlichen Kräften sprengt.
Denn unsichtbare Wächter stellen,
So lang er träumt, sich um ihn her,