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Wir wissen indessen:
Und wer betritt die heil'gen Schwellen,
Den trifft ihr luftumwund'ner Speer."
(Novalis.)
„Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
Es gibt zuletzt doch noch'u Wein."
Und dieses Mal dürfen wir mit Gewißheit auf einen recht guten rechnen. Doch lasse«wir ihn sich entwickeln in der engen Wiege im unterirdischen Geschosse, wo er, nach desDichters Worten, von Festen und Siegen träumt und sich manches luftige Schloß baut,bis er seine Schwingen entfaltet, im Krystallgewande erscheint und iu ungezählten Strahle»sein inneres Leben in die Welt sprüht.
Duell - Geschichten.
„Die Romantik des Ducllircns" heißt ein vor Kurzem erschienenes zweibändigesWerk von Andrew Steinmetz. Gegen den Titel müssen wir uns erklären, denn vonRomantik ist beim Duell, davon abgesehen, daß beide Theile ihr Leben auf's Spiel setzen,nichts zu spüren. Der Zweikampf hat seine sehr bestimmten und sehr prosaischen Gesetze,die leider nicht vom natürlichen Rcchtsgefühl eingegeben sind. Duellanten sprechen immervon Ehre, und doch kommen unter zehn Duellen neun vor, bei denen zwischen denKämpfcnden die größte Ungleichheit besteht. Selbst der nicht übergewissenhafte AlexanderDumas , der sich mit Gaillardet wegen der Urheberschaft des schändlichen Drama's:„Der Thurm von Nesles" schlug, die Jeder für sich in Anspruch nahm, konnte dasDuell,in dieser Beziehung nicht vertheidigen. Er wurde als Zeuge in einem Zweikampfvernommen, bei dem Bcauvallon, einer der besten Pistolenschützen, den JournalistenDnjarier erschossen hatte. Der Richter fragte ihn, ob er es für ehrlich halte, daß Jemand,der auf dreißig Schritte ein Ei treffe, sich mit einem Andern schlage, der kaum wisse,wie man ein Pistol abdrücke; er antwortete: „Ja. Wenn man sich auf die Mensurstellt, so verschwinden alle Fragen des Edelmuths und des Zartgefühls, die an und fürsich sehr schöne Dinge sind, vor der Frage der Existenz, die wir auf's Spiel setzen unddie um loi! im Handumdrehen verloren gehen kann." Die Untersuchung ergab übrigens,daß das Duell nicht blos ein ungleiches, sondern ein unehrliches, ein Mord gewesen sei.Man sollte Pistolen gebrauchen, welche keiner der beiden Theile kannte, und Dujarierkannte die Waffen wirklich nicht. Um so genauer kannte sie Bcauvallon, denn sie ge-hörten seinem Schwager Gravier de Cassagnac, der sie ihm zu diesem Duell lieh, undnoch am Morgen des Zwcikampfes hatte sich Bcauvallon mit diesen Pistolen eine Stundelang eingeschossen. Das Gericht verurtheilte ihn zu acht Jahren Gefängniß.
Die Blüthezeit des Duells war das vorige Jahrhundert. — Unser englischerHistoriograph bemerkt, daß man sich damals so oft geschossen habe, wie man jetzt Cricketspiele. Staatsmänner und Parlaments-Redner stellten sich gelegentlich auf die Mensur.Fox schlug sich mit Adam, doch schoß er nicht, weil er, wie er ausdrücklich betheuerte,
mit seinem Gegner gar keinen Streit habe. Als er an die Reihe kam, zur Scheibe zu
dienen, rief ihm sein Sekundant Fitzgcrald zu: „Fox, Sie müssen eine Seitenstellungannehmen," — „Wozu?" fragte der tapfere Redner. „Ich bin von der Seite eben sodick wie von vorn." Die Folge war, daß er getroffen wurde. Pitt wurde wegen belei-digender Ausdrücke, die im Parlament gefallen waren, von Tierney gefordert und schlugsich auf der Putney-Haide. Sir Francis Burdett und Paul trafen sich bei Wimbledon
und stellten ihre verwundete Ehre her, indem sie sich gegenseitig in's Bein schössen. —
Zwei Jahre später verschaffte sich Cauning von Lord Castlereagh auf ähnliche WeiseGenugthuung.