Ausgabe 
28 (29.11.1868) 48
 
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gelesen, daneben aber auch die Anekdoten und Lückenbüßer der kleinen Blätter, und wennder Baron bei guter Laune war, so amüfirte er sich auch an den Scandalgeschichten vorund hinter den Coulissen. Alles das, während Felix, sein Kammerdiener, ihn ankleidete.Felix ist der Kammerdiener pur exaallenee, der gute Diener von ehemals, treu wie einPudel, ein echtes Freundesherz, dabei ein wenig tyrannisch, da man's ihm nicht übelnimmt.

Was ist das für ein Ucberrock, Felix?

Der, welchen der Herr Baron heute anziehen werden."

Aber der, den ich gestern trug, gefällt mir besser.

Mag sein, aber der Herr Baron wissen nicht, daß sich das Wetter geändert hat."

Thut nichts, ich will lieber den anderen.

Der Herr Baron werden aber diesen anziehen."

Und lachend zog Herr v. Rothschild den ihm von Felix gereichten Ucberrock an.

Um 8 Uhr frühstückte der Baron. Alsdann empfing er seine Sekretäre, 7 bis 8an der Zahl, und erst nachdem die ganze Geschäfts - Corrcspondenz, die sie ihm brachten,erledigt war, ging er an seine Privat-Corrcspondenz. Gegen 9'/^ Uhr empfing er ge-wöhnlich einige Antiquare und Kunsthändler. Er war ein großer Liebhaber von Rari-täten und Kunstgegcnständen und soll u. A. eine ausgezeichnete Dosen-Sammlung hinter-lassen haben. Gegen 11 Uhr begab er sich in die Bureaux, um dort die Wechsel-Agenten zu empfangen. Bisweilen besuchte er darauf eines der zahlreichen Comits's,zu denen er gehörte, stets fand er sich aber um 1 Uhr in dem an sein Bureau stoßendenKabinet wieder ein, um dort mit seinen drei Söhnen zu frühstücken. Während desEssens beschäftigte er sich mit den häuslichen Angelegenheiten und empfing er auchGeschäftsbesuche; gegen drei Uhr machte er, gewöhnlich zu Wagen, eine Promenade, vonder er nach einer Stunde zurückkehrte, um seine Privat-Corrcspondenz zu beenden, unddie Geschäftsbriefe zu unterzeichnen, deren Inhalt er am Morgen angegeben hatte. Umfünf Uhr begann er im Jockey-Club seine unumgängliche Partie Whist, kehrte gegensieben Uhr zum Diner zurück und beschloß den Abend in einem Theater. Regelmäßiglegte er sich zwischen 11 und 12 Uhr schlafen. So war sein Leben geregelt, wie seinHauptbuch; nur seine Thätigkeit kannte kein Maß, sei es in großen Dingen, sei es inKleinigkeiten. Noch vor Kurzem konstatirte er in seinen Bureaux das übermäßig langeAusbleiben seiner Beamten mit dem malerischen und zugleich melancholischen Ausruf:Auf Ehrenwort, ich bin gar kein Bureau mehr, ich bin eine Wüste." Gegen seineBeamten war er grob und spröde, vertrug keine Einwendung und schrie, wenn man nurMiene machte, sich ihm zu widersetzen: Den Teufel auch! Hier bin ich Herr! Warder Einwand richtig, so fügte er sich, aber erst später, ohne Schwierigkeit. Zu seinenKraftausdrückcn gehörte auch der folgende:Herr, fangen Sie noch ein halb Dutzendhalbmal wieder an, so werfe ich Sie hinaus!" Das mag ein bischen zu stark sein, aberes zeichnet den Mann. Konnte man ihm aber auch mit Recht vorwerfen, gegen dieKleinen allzu grob zu sein, so muß man ihm doch die Ehre lassen, daß er sich auch beiden Großen darauf verstand. Man erinnere sich nur an die Erzählung von jener vor-nehmen Persönlichkeit, die in das Cabinet Rothschilds eindrang, während er nochbeschäftigt war.

Nehmen Sie einen Stuhl, sagte der Baron, ohne aufzusehen.

Verzeihung, cntgcgnete der Besucher ein wenig verletzt, Sie haben wohl meinenNamen nicht gehört, ich bin der Baron von . . .

Schon gut, erwiederte Rothschild, ohne die Augen von seinen Papieren abzuwenden,so nehmen Sie zwei Stühle.

In diesen Worten spiegelt sich der ganze Mann. Vielleicht entsprang diese kurzangebundene Form aus einem bittern Widerwillen; man sagt, er habe eine recht gründ-liche Verachtung gegen das ganze Menschengeschlecht gehabt. Wie hätte es denn auch