Ausgabe 
28 (29.11.1868) 48
 
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anders sein sollen, gegenüber all' den Kriechereien, all' der Gemeinheit, zu deren ent«setztem Zuschauer ihn schon frühzeitig das Schicksal verdammt hatte! Ucberlaufen vonniedrigen Speichelleckern, von zudringlichen Bettlern, bestürmt mit Anerbictungen vonWeibern ohne Scham, von Börsenjobbern ohne Gewissen, mußte er da nicht herzlos wer-den und in allgemeiner Verachtung seiner ganzen Umgebung seinem Abscheu in wirklicheroder erheuchelter Grobheit Ausdruck geben? Man kann sich keine Idee von der Zahl derBriefe machen, welche mit Bitten um Hilfe jeder Art täglich bei ihm ankamen. Daschrieb zum Beispiel Jemand ganz einfach:Die Natur hat Sie mit allen ihren Gabenbegünstigt. Warum wollten Sie nun wich nicht in den Stand setzen, gemächlich zu leben,mich, der ich nichts habe? 60 000 Franks würden mir genügen. Wollen Sie mir nurdie Rente von denselben zukommen lassen, so würden wir uns darüber wohl verständigenkönnen u. s. w." Oder ein Erfinder schrieb:Herr Baron! Auf der Spur einerepochemachenden Erfindungwctterverkündender Pantoffeln (oder Regenschirm - Pfropfen-ziehcr, oder des unversenkbarcn Omnibus)" fehlt mir nur die Kleinigkeit von25,000 Franks und ich rechne darauf u. s. w." Der Briefsteller schrieb auch wohl gar:Wenn Sie morgen, Mittwoch um 5 Uhr Abends, nicht 100,000 Franks unter dem«nd dem Stein niedergelegt haben, so ... "

Dergleichen Briefe erhielt der Baron 150 oder 200 jeden Morgen, und darin alleAusgeburten der Narrheit, des Elends und der Verworfenheit. Der Eine kam mitBitten, der Andere mit Drohungen; Dem sollte er die Ehre retten, Jenem sein verlorenesVermögen wiedergeben; der Eine verlangte Mittel, um Paris zu verlassen, der Andere,um dahin zurückzukehren. Und nicht ein Brief kam abhanden; es war gar nicht zufürchten, daß die Post je einen verlieren könnte, und die mit den unsinnigsten Adressenkamen erst recht an. Mehrmals liefen Briefe ein mit der Adresse:Herrn Baron vonRoi-de-Chine," und sie gingen nach der Nne Lafittc, denn Herr Vandal hatte begriffen.Und kaum sollte man eS glauben auf alle diese Briefe erfolgte Antwort. Einbesonderes Bureau, das Bureau für Arme, hatte diese gewaltige Corrcspondcnz zu besor-gen und die Vertheilung der Almosen damit zu verbinden. Was diese betrifft, so warder Baron das muß man sagen sehr freigebig, und doch bin ich sicher, daß daserste Wort Derer, die sie wie hoch auch der Betrag und wie gering ihr Anrecht -empfingen, also lautete:Wie? das ist Alles? Das war auch der Mühe werth!Das Geld in Scheffeln messen können, und so knauserig gegen die Armuth! O, pfui,welch' Elend. Das ist Alles?"

(Wortspiel.) Ein gewisser Lang in Breslau hatte ein sehr langesVerhältniß mit Fräulein Kurz daselbst. Ein anderer Jüngling, der Fräulein Kurzschon lang für sich selbst wünschte, flüsterte boshaft dem Vormund des Mädchens in'sOhr: seine Bekanntschaft mit Herrn Lang sei zwar noch sehr kurz, aber er sei schonlang der Meinung gewesen, daß Lang Fräulein Kurz noch lang hinziehen werde.Der Vormund nannte Beide im Zorne lang und kurz, wenn sie nicht über Langund Kurz endlich die Sache kurz abmachten und Lang Kurz heirathete. Herr Langmeinte, er würde Kurz schon lang gcheirathct haben, wenn sein Vater ihn nicht zukurz hielte. Der Vormund bewilligte Lang noch kurze Zeit, dann war Hochzeit undKurz wurde Lang. Nachher aber beklagte sich Lang, er sei zu kurz gekommen,indem er Kurz genommen, denn der Vormund hatte das Vermögen seines Mündelsschon lang verkürzt, so daß das Wenige, welches der Kurz blieb, kaum zur noth-dürftigsten Einrichtung der Wirthschaft Längs langte. Und so ist man denn jetztneugierig, wie lang die Kurz mit Lang noch gut Hausen werde.

Druck, Lerlaa und Redaktion des literartschen Instituts Son vr. M. Huttle^k