Naturgeschichte der Thräne«.
Im „Ausland" finden wir folgenden interessanten Artikel, „Chambers Journal" ent-nommen: Das Hauptelement, der vornehmste Bestandtheil, so zu sagen, eine Thräne istWasser; dieses Wasser enthält bei Auflösung einige Hundertstel einer Substanz, die manHinaus nennt und einen kleinen Theil Salz, Natron, Phosphorsauren Kalk undphosphorsaures Natron. Das Salz und das Natron sind eS, welche den Thränen jeneneigenthümlichen Geschmack geben, der ihnen bei den griechischen Dichtern das Epitheton„Salz", bei den unsrigcn das Beiwort „bitter" verschafft hat; „Salz" ist indeß derrichtigere Ausdruck der beiden Bezeichnungen. Wenn eine Thräne trocknet, verdunstet dasWasser und hinterläßt eine Ablagerung salziger Bestandtheile; diese amalgamircn sich,und werden, wenn man sie durch das Mikroskop betrachtet, zu langen, gekreuzten Linien,welche wie ganz kleine Fischgräten aussehen.
Die Thränen werden von einer Drüse ausgeschieden, die man die „Thränendrüse "nennt, welche über dem Augapfel und unterhalb des oberen Augenlides an der derSchläfe nächsten Seite liegt. Sechs oder sieben ungemein feine Kanäle ziehen sich vonderselben entlang und unter der Oberfläche des Augenlides hin und entladen ihren Inhaltein wenig oberhalb des zarten Knorpels, welcher das Augenlid stützt. Diese Kanälesind es, welche die Thränen in das Auge führen. Allein Thränen fließen nicht nur ingewissen Umständen, wie man vermuthen könnte — sie fließen unaufhörlich; den ganzesTag und die ganze Nacht (obgleich weniger reichlich während des Schlafs) rinnen sie sanftaus ihren dünnen Schleusen, und verbreiten sich glänzend über die Oberfläche der Pupilleund des Augapfels, nnd geben ihnen jenes leuchtende, schmelzartige und klare Aussehen,das eines des charakteristischen Zeichen der Gesundheit ist. Die unaufhörliche Bewegungund Zusammcnzichung der Augenlider bewirken die regelmäßige Verbreitung der Thränen,und das Fließen dieser Thränen muß auf die so eben erwähnte Weise beständig erneuertwerden, weil Thränen nicht nur nach wenigen Sekunden verdunsten, sondern auch durchzwei kleine Abzugsröhren, „Thränenpunkte" genannt, die in dem Winkel des Augesnahe an der Nase liegen, hinweggcführt werden. Auf diese Art fließen alle Thränen,nachdem sie die Augenlider verlassen, in die Nüstern, und wenn sich der geneigte Leserhiervon überzeugen will, so braucht er, so unpoctisch es auch seyn mag, nur auf einenMenschen zu achten, der stark weint, und er wird bemerken, daß dieser stets genöthigtist, einen zwicfältigen Gebrauch von seinem Taschentuche zu machen.
Der Nutzen der Thränen für Thiere im allgemeinen, und insbesondere für diejenigen,welche vielem Staub ausgesetzt sind, wie z. B. Vögcl, die inmitten der Winde leben, istleicht zu verstehen; denn das Auge würde bald voller Schmutz und trüb seyn, wie eineungereinigte Fensterscheibe, hätte nicht die Natur für diesen freundlichen imincrsiießendenStrom gesorgt, um es zu waschen und zu erfrischen. Nur ganz wenig Flüssigkeit istnothwendig, um das Auge stets klar und rein zu erhalten; allein hier müssen wir wie-derum den wundervollen Mechanismus anstaunen, welcher in dem menschlichen Körperarbeitet, denn man kann beobachten, daß, wenn in Folge irgend eines Zufalls oder einerVerletzung der Augapfel mehr Wasser braucht, um sich zu reinigen, die Natur sich so-gleich zu einem reichlichem Thränenfluß wendet. So z. B. füllen sich, wenn ein Staub-
körnchen oder ein Insekt in daS Auge geräth, die Augenlider sogleich mit Thränen undfließen über, und diese Thränen mildern nicht nur den Schmerz sondern führen auch deuGegenstand, wofern er klein genug ist, die beiden bereits erwähnten kleinen Leitungenhinab und hinweg. Das nemliche geschieht, wenn entweder Rauch, oder zu lebhaftesLicht, oder zu starke Kälte nachteilig auf das Gesicht einwirken — sogleich kommenThränen uns zu Hülfe, nnd schützen das Auge vor Schaden.
WaS nun die andern Thränen betrifft — ich meine diejenigen, welche ihren Grund
in moralischen, nicht in physischen Ursachen haben — so ist die über dieselben zu gebende