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(Schluß.)
Ueber den Fluchtversuch des Kaisers Maximilian, welchen wir am Schlüsse desVorigen Aufsatzes kurz berührt haben, tragen wir, da wenige Details davon in die Öf-fentlichkeit gedrungen sind, aus dem Tagebuch der Prinzessin Salm-Salm, noch die fol-gesdcn Enthüllungen nach:
Schon lange hatte ich ihn (den Kaiser) von der Nothwendigkeit zu überzeugen ge-sucht, daß er wegen einer Flucht nicht mit untergeordneten Offizieren, sondern mit denBefehlshabern unterhandeln müsse. Einen derselben hatte ich bereits vollständig gewonnen,nämlich Oberst Billanucva, welcher den Oberbefehl über alle Wachen in der Siadt hatte.Vellanucva nahm den lebhaftesten Antheil an dem Schicksal des Kaisers uud betrachteteeS als ein Unglück für sein Vaterland, wenn dessen Regierung ihn erschießen lassen sollte.Aus diesem Grunde war er bereit, zur Flucht die Hand zu bieten. Er für seine Personlehnte Geld ab, obwohl er arm war und für seine Schwestern zu sorgen hatte, und vcr-liß sich auf den Kaiser, der ihn mit »ach Europa nehmen und für sein: Zukunft sorgensollte. Oberst Villanucva sagte mir jedoch, daß er allein die Flucht nicht bewerkstelligenkönne und daß Oberst PalaeioS gewonnen werden müsse, welcher den Oberbefehl im Ge-fängnisse selbst führte. Zu diesem Ende verlangte ich, daß der Kaiser 100,000 Dollarsin der Bank des Herrn Rubio placiren solle, auf den man nach Ersordcrniß ziehen könne,Heun baar Geld, sagte ich dem Kaiser aus alter Erfahrung, sei durchaus nothwendig,wenn man mit Amerikanern unterhandeln wolle. Der Kaiser erwiderte, daß Geld diegeringste Sorge sei, da sowohl Baron Magnus als die anderen Gesandten ihn versicherthatten, daß Summen zu jedem Betrage ganz zu seiner Verfügung stünden. Ich theilteuun dem Kaiser mit, daß ich Alles mit Villanucva abgemacht hätte, der ihn aus demGefängniß führen solle, wo eine Escorte von hundert Mann bereit sein werde, ihn nachder Sicrra Gorda und von dort nach der Küste zu bringen. Der Kaiser war mit demPlane einverstanden, doch bestand er darauf, daß ich ihm zu Pferde mit klr. Bosch dichtauf dem Fuße folgen solle. Er befürchtete nämlich, daß man ihn verrathen und ermordenmochte, und glaubte, daß die Gegenwart einer Dame die Reiter von dem Begehen«incr solchen gräßlichen Handlung abhalten werde. Zch sagte uun dem Kaiser, daß iches übernommen hätte, Oberst PatacioS zu gewinnen, welcher die Wachen im Kloster hatteund die ganze Nacht hindurch selbst vor dem Zunmcr des Kaisers auf- uud abspazierte,daß ich aber zu diesem Zwecke Geld haben müsse.
Mit Entsetzen sah der Kaiser nun endlich seine Position im wahren Lichte und be-dauerte lebhaft, daß er so viel Zeit vergeudet und nicht früher für Geld gesorgt hätte.Er hatte gar nichts und doch sagte er mir, er wolle sein A cußerstcs versuchen, die nöthigenMittel anzuschassen. Als ich wieder zu ihm kam, fand ich ihn Verzweiflung, Er konntedas Geld zur Bestechung des Obersten nicht anschaffen; allein er bot mir zwei Wechsel,jeden zu hunderttausend Dollars, auf das kaiserliche Haus und die kaiserliche Familie inWien an. Fünftausend DollarS w lle er mir jedoch bis spätestens neun Uhr Abendssenden, da ich dieselben nothwendig haben mußte, um sie entweder Palacios für die Sol-daten einzuhändigen, oder selbst au dieselben zu vertheilen. Ich hatte bis dahin OberstPalacios noch keine Eröffnungen gemacht und es war zwischen mir und Villanucva dasUebercinkommen getroffen, daß ich das Gefängniß um acht Uhr verlassen, Palacios michbegleiten und ich denselben bis zehn Uhr festhalten sollte. Ich wohnte zu jener Zeit nichtin einem Hotel, sondern in einem Privathause, das der Frau Pepita Vinceutis, der Wittweeines Herrn von unserer Partei, gehörte, der während der Belagerung gestorben war.General Echegarry wohnte in demselben Hause. Diese alte Dame war außerordentlich
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