Ausgabe 
28 (20.12.1868) 51
 
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gütig gegen unsere Gefangenen und hatte die ganze Zeit hindurch für fünzchn derselbengesorgt. Ich hatte bis um acht Uhr bei dem Kaiser zu bleiben und mit ihm eine sehrlange und interessante Unterredung gehabt. Er eröffnete mir seine geheimen Sorgen undBekümmernisse, weihte mich in die in seiner Familie obwaltenden Verhältnisse ein undoffenbarte mir seine Pläne für die Zukunft, wenn er nach Europa kommen würde. AmInnigsten sprach er von seiner Mutter,, an welche er mir Grüße und andere Dinge auf-trug für den Fall, daß ich allein nach Wien kommen sollte. Diese Unterhaltung machtemich sehr traurig und es erfüllte mich die bange Ahnung, daß ich den Kaiser jetzt zumlctzteumale sehe. Als es beinahe acht Uhr war, gab mir der Kaiser seinen Siegelring.Hatten meine Bemühungen mit Palacios Erfolg, dann sollte ihm der Oberst denselbennoch am Abend zurückbringen.

Ich verließ den Kaiser mit schwerem Herzen und wenig Hoffnung, denn vor mirlag eine sehr schwierige Aufgabe, welche ich mit sehr unzulänglichen Mitteln erfüllen sollte mit zwei Blättchcn Papier , deren Bedeutung die Person, mit der ich zu thun halte,kaum verstand. Oberst Palacios war ein Indianer, der kaum lesen und schreiben konnte.Er war ein tapferer Soldat, hatte sich häufig ausgezeichnet und daS besondere Vertrauenseiner Vorgesetzten erworben, die ihn als eine Art von Provost Marschall gebrauchten,dem alle Hinrichtungen anvertraut wurden. Er halte eine junge Frau, die ihm erstkürzlich daS erste Kind geschenkt hatte, welches der Augapfel des Vaters war. Da er garkein Vermögen besaß, so hoffte ich, daß der Gedanke, diesem Kinde jedenfalls eine sor-genfreie Zukunft zu sichern, ihn geneigt machen würde, meine Vorschläge anzunehmen. DerOberst begleitete mich nach Hause und ich lud ihn in mein Parlor. Ich sing sogleich an,vorn Kaiser zu sprechen, um zu crfahrccn, wie er gegen ihn gesinnt sei und ob ich irgendeine Hoffnung auf Erfolg haben könne. Er sagte mir, er sei ein großer Feind dcSKaisers gewesen, doch seil er so lange um ihn und Zeuge davon sei, wie gut und edel ersich in seinem Unglück benommen und seit er in seine treuen blauen Augen gesehen habe,fühle er für ihn die größte Theilnahme, wenn nicht Liebe und Bewunderung. Nachdieser einleitenden Uuterhaltnng, die etwa zwanzig Minuten währte, kam ich mit zittern-dem Herzen zur Sache. Es war in der That ein Augenblick von der höchsten Spannungund Bedeutung, an welchem das Leben oder der Tod eines edlen und guten Manneshing, der mich mit seiner Freundschaft beehrte und mein Kaiser war. Ich sagte, daßich ihm eine Mittheilung zu machen habe, die sowohl für ihn als für mich von der aller-größten Wichtigkeit sei; doch ehe ich es thue, muffe er mir nicht nur sein Ehrenwort alsOffizier und Gentleman geben, sondern bei dem Leben seines Weibes und seines Kindesschwören, daß er, was ich ihm sage, Niemand verrathen wolle, selbst wenn er auf meineVorschläge nicht eingehe. Er gab mir das verlangte Ehrenwort und leistete in feierlicherWeise den Eid bei dem Leben seiner Frau und seines Kindes, die er Beide mehr liebte,als alles auf der Welt.

Ich sagte ihm nun, ich wisse mit aller Bestimmtheit, daß der Kaiser zum Tode ver-urtheilt und sicher erschaffen würde, wenn er nicht entfliehe, was er als vollkommen richtigeinräumte. Dann theilte ich ihm mit, daß ich durch andere Personen Alles zur Fluchtvorbereitet habe, die in dieser Nacht stattfinden solle, wenn er darein willige, nur für zehnMinuten den Rücken zu wenden und seine Augen zu schließen. Ohne ihn könne nichtsgeschahen; wir seien gänzlich in seiner Hand und das Leben des Kaisers hänge ganz inseinem Willen. Das Dringende der Lage setze mich in die Nothwendigkeit, mit ihm ganzoffen zu reden. Ich wisse, daß er arm sei. Er habe eine Frau und ein Kind, derenZukunft in diesen Zeiten sehr unsicher sei. Nun biete sich ihm eine Gelegenheit, denselbenein gutes, lebenslängliches Auskommen zu sichern. Ich biete ihm hier einen W.chscl von100,000 Dollars an, welche die kaiserliche Familie von Oesterreich in Wien bezahlenwerde und 5000 Dollars in baarem Gelde werde ich sogleich für seine Soldaten erhaltenund ihm übergeben. Was ich ihm vorschlage, sei nichts gegen seine Ehre, denn indem