Ausgabe 
28 (20.12.1868) 51
 
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such machen, das Herz dcS Mannes zum Mitleid zu rühren, von dem das Leben derKaisers abhiug, und dessen bleiches Gesicht, dessen melancholische, blaue Augen, die selbstauf einen Palacios Eindruck machten, mich fortwährend anblickten. Es war acht UhrAbends, als ich zu Herrn Juarcz ging, der mich sogleich empfing. Er sah selbst blaßund leidend aus. Mit zitternden Lippen sprach ich für das Leben des Kaisers oder we-nigstens für einen Aufschub. Der Präsident sagte, er könne keinen Aufschub bewilligen,um nicht die Agonie des Kaisers zu verlängern, der morgen früh sterben müsse. Alsich diese schrecklichen Worte hörte, wurde ich rasend vor Schmerz. An allen Gliedernzitternd und schluchzend siel ich auf die Kniee und bat mit Worten, die warm von meinemHerzen kamen, deren ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Der Präsident versuchtees, mich aufzuheben, allein ich umklammerte seine Kniee und wollte nicht ausstehen, eheer mir das Leben des Kaisers bewilligt hätte; ich dachte, ich müsse es ihm abringen! Ichsah, daß der Präsident bewegt war, sowohl er als Jglcsia hatten Thränen in den Angeir.Er sagte mit leiser Stimme:Es schmerzt mich, Madame, Sie so auf Ihren Knieenliegen zu sehen; allein wenn alle Könige und Königinnen Europa's an Ihrer Stellewären, so könnte ich sein Leben nicht schonen. Ich nehme es nicht; es ist das Volk unddas Gesetz, welche seinen Tod verlangten. Thäte ich nicht den Willen des Volkes, sowürde dasselbe sein und auch mein Leben nehmen."Oh," rief ich in meiner Verzweif-lung,muß denn Blut fließen, so nehmen Sie mein Leben, das eines nutzlosen Weibes,und schonen Sie das meines Mannes, der noch so viel Gutes in einem anderen Landethun könnte." Alles war vergebens. Der Präsident erhob mich und wiederholte noch-mals, daß das Leben meines Mannes geschont werden solle. Derselbe sei in der Thatsehr compromittirt und würde sicher zum Tode vcrurthcilt werden; allein, da er meineHandlungsweise und meine Aufopferung in der Sache des Kaisers und meines Gattenachte und bewundere und cS ihn schmerze, mir nicht Alles bewilligen zu können, um waSich bitte, so wolle er doch thun, waS er könne, Das Leben meines Mannes solle nichtangetastet werden. Ich dankte ihm dafür und ging. Im Vorzimmer fand ich mehr alszweihundert Damen aus Sau Luis, die ebenfalls kamen, um für das Leben der dreiVcrurthcilten zu bitten. Sie wurden vorgelassen, allein ihre Bitte hatte nicht mehr Erfolgals die mcinigc. Später kam Frau Miramon, die ihre beiden kleinen Kinder an derHand führte. Der Präsident konnte es ihr nicht abschlage», sie zu empfangen. HerrJglcsia sagte mir, daß es eine herzzerreißende Scene gewesen sei, als die arme Frau undihre unschuldigen Kleinen stammelnd um das Leben des Gatten und Vaters gebetenhätten. Der Präsident, sagte er, litt in jenem Augenblick unaussprechlich darüber, daß ersich in die grausame Nothwendigkeit versetzt sah, das Leben eines edlen Mannes wie Ma-ximilian und das zweierBrüdcr" zu nehmen, allein er könne nicht anders. FranMiramon fiel in Ohnmacht und mußte aus dem Zimmer getragen werden. Die ergrei-fenden Scenen, die der Präsident an diesem Tage erlebt halte, waren mehr, als er er-tragen konnte. Er zog sich in sein Zimmer zurück und wollte drei Tage Niemand sehen.In jener Nacht konnte ich kein Auge schließen und war mit vielen Damen unserer Partei,in der Kirche im Gebet vereinigt. Im Laufe des Vormittags brachte der Telegraph dietraurige Nachricht, daß die Exekution vollzogen worden sei, und Alles war vorüber ....