2. Der Christbaum.
Wir Deutschen können uns keine Weihnachten denken, ohne den Christbaum, ohneden echt deutschen, lichterhellen, auf seiner Spitze mit dem goldenen Engel gekröntenTaunenbaum. Nichts Anderes kann ihn ersetzen, und darum leuchtet er auch, ist er nurirgendwie aufzutreibcn, wo Deutsche oder deutsche Art Weihnacht feiern, im Süden wieim Norden, am Hof der englischen Königin wie in der deutschen Kolonie von St. Peters-burg; selbst unter dem Kriegstumult in der fernen Krim hat er vor Jahren sein friedlichLicht verbreitet. Die biblische, — christliche Deutung des Christbaums ist leicht. Lichteranzuzünden, war von jeher bei religiösen Freudenfeicrn gebräuchlich, — so beim jüdischenFeste der Tempclweihe und dem christlichen Osterfeste; besonders nahe lag es aber zurWeihnachtszeit, wo die Sonne nur spärlich den Tag erhellt. Aber vor allen sollen dieLichter, — welche da am grünen Baum in den dunkelsten Tagen des Mittewinters auf-strahlen, an jenes helle Licht erinnern, das die Hirten auf Bethlehem '- Gefilden umleuch-tctc, und die Freude darüber versinnbildlichen, daß Christus ist das Licht, welches in dieWelt kommend, alle Menschen erleuchtet — und „einen hellen Schein in unsere Herzengegeben hat," — wie schon im alten Bunde geweissagt war: „Die Völker, im Finsternsitzend, sollten ein großes Licht sehen." An manchen Orten zündet man den Christbaumerst am Morgen des ersten Festtages an; auch Das hat seine Beziehung: Christus wirdja in der Schrift der „Aufgang aus der Höhe" genannt — und sein Evangelium „derMorgenstern, der in unsern Herzen aufgehen soll." Ein immergrünes Gewand trägtder Taunenbaum: „unverwelklich soll das Erbe der Frommen sein, unvergänglich derKranz des christlichen Kämpfers," bleibend die Gnadengabe christlichen Glaubens, Liebensund Hoffens. Die Fülle von süßen, bunten, glänzenden Gaben am Weihnachtsbaumekönnte eine Nachahmung sein jener Geschenke, welche die Magier aus dem Morgenlanddem Jesuskinde brachten, allein richtiger deutet man sie auf den „mancherlei geistigenSegen," den Gott m seinem Sohn geschenkt. Zu Füßen des Baumes werden manchmalallerlei Thiere gestellt, zur Erinnerung an die Zierden der bcthlchcmischen Hirten oderauch an das Paradies, wie denn der Christbaum auch als Symbol des Lebensbaums imParadies erscheint, der, durch die Sünde verloren (auch die Schlange sieht man manch-mal um den Stamm sich ringeln), durch Christus wieder gewonnen werden soll. —Warum am Fest der Geburt des Christkindes der gabenreiche Christbaum der Mittelpunktgerade der Kinderfreude ist, — braucht den auf Weihnachten sich rüstenden Elternherzennicht gedeutet zu werden. Aber gerade mit dieser Kindcrbeschecrung werden wir aus derFrage nach Entstehung des Christbaums schon über den Kreis christlicher Sitte hinaus-geführt. Schon die Römer beschenkten an den mit den um unsere Christzeit gefeiertenSaturnalien verbundenen Sigillarien ihre Kinder mit Bildern und Töpfergeschirr, undwie sie am 25. Dezember den Geburtstag der unbesiegten Sonne feierten, so begingendie heidnischen Völker des nördlichen Europa um dieselbe Zeit die Winter-Sonnenwendedurch den lichterreichen Tannenbaum. Diesen also, — unsern heidnischen Vorfahren undihrem Juelfest verdanken wir unsern Christbaum, — und wieder finden wir hier jeneschonende Hand, mit der die Bckchrer Deutschlands den neuen Glauben dem alten ver«knüpften, die sinnige Verbindung, in die sie das Naturjahr und seine religiöse Feier mitdem Kirchenjahr zu setzen wußten. Papst Gregor der Kroße hatte ausdrücklich zu solchemVerfahren aufgefordert. Sollte da- vom heidnischen Winterfest gefeierte Herannahen desFrühlings und der durch Christi Ankunft auf Erden angebrochene Weltfrühling so weitauseinander liegen? Noch führt im skandinavischen Norden das Wcihnachtsfcst den altenNamen, des Juelfcstes, und was mit der Beachtung der „heiligen zwölf Nächte," mitder Wanderung der drei Könige, mit dem Knecht Rupprecht zusammenhängt, es greiftdas Alles in vaterländische Urzeit zurück. Ja, noch weiter, nrch über die Grenzen ger-manischen Heidenthums hinaus könnten wir die Spuren unseres WcihnachtsbaumeS oderwenigstens seines Zusammenhangs mit andern gleichartigen Mysterien verfolgen. Wenu