Gcmurmel ab und wird auch durch eiserne Thore abgehalten. Diese Thore sind zumTheil auch hübsche eiserne Gitterwerkc und sehen von Weitem fein wie Brabanter Spitzenaus. Dabei wiegt das eine doch dreihundert Centncr und kann nur durch Dampfkraftgeöffnet und geschloffen werden. Und diese ganze großartige Wundcrwelt auf einer sowunderbaren Unterwelt ist doch nur ein Fleischmarkt, freilich die Hauptnahrungsquelle fürdrei Millionen der größten Carnivorcn unter den Menschen!
Daß sich die ehemaligen engen und krummen Straßen, die hier aus- und einmünden,ebenfalls verschönert und erweitert haben, versteht sich von selbst. Eine derselben führtin das benachbarte andere neueste Wunderwerk des Verkehrs, an dessen Vollendung biszu Weihnachten täglich, und sehr oft auch nächtlich, Tausende von Menschen- und Dampf-pferdekräften arbeiten. Es ist der Holborn-Viadukt, der aus einer Tiefe von 30 Fußunter der Oberfläche bis zu einer größeren Höhe über derselben, 1400 Fuß lang undüber 80 Fuß breit, ausgemauert ward, um die beiden Hügel in der Hauptverkehrsstraßezwischen dem Nordwesten Londons und der City, Oxfordstrcet auf die massiveste Weise zuüberbrücken, dir Straße auf die so gewonnene Ebene zu verlegen und daneben und da-runter alte, krumme, enge Gaffen niederzureißen und als neue, weite, heitere Verbindungs-mittel zwischen dem Süden und Norden wieder emporzuzaubern. Wie weit und tief dasZcrstörungswerk ging um auf einer neuen massiven Grundlage diese neue Welt aufzubauen,das geht für uns iu's Fabelhafte, wenn auch die Berliner meinen, sie hätten in ihrenneuen, durchbrochenen Straßen Wunder gesehen und sogar gethan. In der norddeutschenWelthauptstadt gehören vielmehr der Durchb.uch in die neue Wilhelmstraße, die Düftedes Zwirn-, grünen und Kupfergrabens und besonders das Aroma der Panke währenddes vorigen Juli, vielleicht auch das seit acht Jahren leere Schillergitter, zu den Wunderndes Unternehmungsgeistes.
Die Londoner Bau- und Verkehrs-Titancn schonten selbst die Todten der Unterwelt'nicht, um Grund und Raum für dieses Riesenwerk des Hotdorn-VmSukcs zu gewinnen,und gruben namentlich einen seit Jahrhunderten fleißig bestellten Gottesacker aus, umunzählige Fuder von Gebeinen und ganze Armeen von zum Theil noch wohlcrhaltcnenLeichen außerhalb des immerwährend donnernden Verkehrs aufs Neue zu besserer Ruhezu bestatten. Dabei machten die Liebhaber des Schauerlichen gar merkwürdige Studienund Erfahrungen. Viele Leichname kamen erwiesen nach zwei-, dreihundertjähriger Ruhenoch ganz wohlerhalten und nur lederartig getrocknet wieder auf die Oberwelt. Doch fandman auch vollständig gebleichte Skelette mit verrosteten Ketten an Händen und Füßen, also Ge-beine, über die man gewiß, ohne Gefahr, Heiliges zu verletzen, sprechen und schreiben kann. Dochlassen wir die Todten ruhen. Auf ihrem neuen Kirchhofe, weit draußen unter nickenden Gräsernund Blumen, ruhen sie jedenfalls viel schöner, als in London , wo man übrigens dieEntdeckung machte, daß sie den ganzen Erdboden rings umher mit Verwcsungsgasen ver-giftet hatten, eine neue, ernste Mahnung, namentlich für unsere rasch anwachsenden Groß-städte, die Kirchhöfe nach dem Muster Londons weit hinaus zu verlegen und die Todtenper Eisenbahn etwa jeden Morgen in ihre, für sie ausschließlich bestimmte, schöne, ruhigeStadt unter Bäumen, Blumen und Vogelfang zu begraben.
Es ist schwer, von der Großartigkeit dieses Brückenbaues in London eine Vorstellungzu geben; man mache sich deßhalb wenigstens ein allgemeines Bild davon, und denke sichdiese Brücke aus ihren tiefsten Fundamenten beinahe hundert Fuß hoch aufsteigend, 1400Fuß lang und 80 Fuß breit durch die volkreichste Straße hingemauert, über das Thalhinweg, dessen Abhänge auf je fünfzehn Fuß einen Fuß Gefälle haben. Um oben einevollkommene Ebene zu erreichen, mußten an den tiefsten Stellen drei gewaltige Etagenüber einander gemauert und gewölbt werden, und zwar mit Grundmauern, die achtMauersteine dick sind. Innerhalb derselben zieht sich ein reiches Leben von Kellern, Gas-,Wasser-, Kloaken- und Telegraphenröhren in 11'/r 'Fuß hohen und 7 Fuß breiten soge-nannten Unterwegen, durch welche diese Röhren laufen, und die dazu dienen, alle dieF