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und finsteres Aussehen zu seinem lachenden Munde und überlustigcn Wesen seltsam kon-trastirte, „die Sonne wird es schon an den Tag bringen!"
Der Weber und alle Umstehenden blickten unwillkührlich zum Himmel und sonderbar— durch das dunkle Wolkennctz brach in diesem Augenblicke die Sonne mit wunder-barem Glänze, daß sie Aller Augen blendete und es wie heilige Schauer über manche-Herz rieselte. Dieser so einfache und natürliche Vorgang sprach zu allen Versammeltenwie eine Stimme Gottes, und machte einen erschütternden Eindruck. Alle schwiegen.Einzelne alte Leute falteten die Hände und beteten ein Vater unser; aber in Jedem lebtejetzt die Ueberzeugung, daß der Himmel die Mörder an das Licht ziehen, daß eS dieSonne an den Tag bringen würde.
Der Weber schien von Allen am ergriffensten. Er, der sonst stets einen heiternScherz auf den Lippen hatte, stammelte ebenfalls ein Gebet, und seine Augen weiltennoch lange auf der Stelle, wo die Sonne hindurchgekrochen, nachdem sie sich schon wiederin Wolken gehüllt. Ein neben ihm stehender junger Bursche weckte ihn endlich auSseinen Träumen, er stieß ihn unsanft an und sagte lachend: „Und wenn Du Dichblind siehest, dort steht's doch nicht. — Ha, ha, Leute! Da gibt's nicht viel Kopfzer-brechens, der Georg wird sich freuen, daß sein Todfeind fort — 's ist ein Mordskerl!"
„Vcrmoster Witz!" rief hierauf der Maurer lachend. „Junge!" fuhr er fort,„Du hast in Deiner kleinen Zehe mehr Verstand, als Mancher in seinem dicken Schädel.Der Georg ist ein Mordskerl!"
„Der Georg?" o, da geht mir ein Licht auf!" begann ein Bauer, und alle Um-stehenden stimmten dem Ausrufe bei.
„In der Nacht vor der Hochzeit," begann von Neuem der junge Bursche. „Da-ist ein prächtiger Zufall."
„Zufall!" entgegnetc der Maurer, „bist doch noch dumm. Junge, 's ist sonnenklar,der Georg weiß von der Geschichte mehr, wie wir Alle."
„Ja, ja, so ist'S!" ließen sich Viele vernehmen.
„Das ist nicht wahr!" rief der Weber heftig. „Der Georg ist unschuldig, es istniederträchtig —" er stockte plötzlich, denn ein böser, stechender Blick des Maurers trafplötzlich sein Auge.
„Was ist niederträchtig? Daß ich die Wahrheit sage?" entgegnetc der Maurer.„Webr, Du bist heut' noch nüchtern, laß uns einen trinken," und er zog den Zögern-den raesch aus der Menge und mit sich fort. Der junge Bursche folgte.
Die Aeußerungen des Webers waren wenig beachtet worden, desto mehr die seinerFreunde, und es dauerte nicht 10 Minuten, da hatte sich die Volksstimme gebildet, dieVolksstimme, die ja stets den Nagel auf den Kopf trifft — der Georg ist der Mörderwer Anders sollte den Müller erschlagen haben? Gestohlen war ja nichts worden, ob-wohl der junge Müller viele Hundert Thaler Geld in seinem Kasten hatte, das er erstvor einigen Tagen von einem reichen Bäcker ausgezahlt erhalten. Waren dies nichtBeweise genug von der Schuld Georgs? Die Mutter des Ers-Hlagenen war am ver-gangenen Tage mit ihrem jüngeren Sohne in die Stadt gefahren, um Einkäufe zubesorgen. Der glückliche Bräutigam hatte ihr das Geleit bis zu dem Dorfe seiner Brautgegeben. Bei ihr war er noch die letzten Stunden seines Lebens geblieben, um »ach10 Uhr hoffnungsfreudig heimzukehren und in wenig Stunden darauf ein zcrstücktcr,elender Leichnam zu sein. Ein Knecht hatte das Haus hüten sollen, war aber, in Er-wartung, daß sein Meister nicht vor Mitternacht heimkehren würde, in die Schenkegegangen und mit einigen Kumpanen erst in frühester Morgenstunde heimgekehrt; siehatten auch zuerst den Leichnam aufgefunden und Lärm gemacht.
Der herbeigeeilt« Kriminalrichter war bereits eifrig mit der Vernehmung der nächstenAngehörigen des Müllers beschäftigt, und der kleine alte Mann that dies in seiner ge-ttcrndcn und zufahrenden Weise. Er war Gerichts-Rath beim Land- und