Ausgabe 
29 (3.1.1869) 1
 
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Stadtgericht des nächsten Städtchens und zu gleicher Zeit Patrimonialrichter von Wolfs-dorf. In letzterer Eigenschaft hatte er sich allgemein wegen seiner Härte und Brutalitätverhaßt gemacht. Er stand in dem Rufe eines bestechlichen, heimtückischen Beamten, derRecht und Gesetze nach seiner Laune mit Füßen trat und bei den Prozessen der Bauernmit der Gutehrrrschast die Letztere auf eine unverantwortliche Weise begünstige. Dasklarste Recht wurde unter seinen Händen zum Unrecht und deßhalb war der Mann ebenso gehaßt, wie gefürchtet. Man wich auch heut dem verbissenen, boshaften Alten scheuund schüchtern aus, der, von einem Gastmahl plötzlich abgerufen, in der erbittertstenLaune war und fürchterlich über das Mord- und Raubgesindel raisonnirte, vor dem ernicht mehr einen Augenblick Ruhe habe.

Als der Kriminalrichtcr hörte, daß die Braut des Ermordeten anwesend, wurde auchsie vernommen. So grob und schonungslos der alte verrufene Mann sonst auch war,gegen junge hübsche Mädchen benahm er sich mit einer widerlichen Freundlichkeit. Auchdie weinende, schüchterne Marianne wurde größerer Rücksicht gewürdigt, er kniff in dieWange und sagte schmunzelnd:Trösten Sie sich, mein Kind! Es ist freilich schlimm,wenn einem der Bräutigam am Hochzcitsmorgcn todt geschlagen wird; aber es gibtnoch viele junge Bursche auf der Welt. Er war also gestern bei Ihnen? He, meinKind, er war bei Ihnen?" setzte er mit lüsterner Miene hinzu:wie lange blieb erdenn im Kümmerchcn?"

Marianne erröihete, nicht aus Scham, sondern aus Unwillen, ihre Thränen ver-siegten und sie enigegnete fest, beinahe stolz:Er kam gegen Abend zu meinem Vaterund blieb in unserer großen Stube bis um halb 10 Uhr, das wissen unsere Mägde."

Und Sie gaben ihm das Geleit?"

Bis au's Hofthor, wie es der Vater wollte!"

Ja, ja!" bemerkte die Müllcrmitkwe, die Mutter des Ermordeten, die in derStube gelassen worden,sie war ihm nicht gut, sie hat sich den Georg Körner einge-bildet, und die Leute reden schöne Geschichten. Mein armer Sohn! O ich unglücklicheMutter!"

Was reden die Leute?" fragte der Kriminalrichter heftig.

Daß der Georg meinen Sohn auS Eifersucht erschlagen," entgegnete die Müllers»Wittwe.

Das ist nicht wahr!" fiel Marianne augenblicklich mit Entschiedenheit ein,dasist eine schändliche Lüge!"

Still! Kein Weiber-Gcwäsch!" polterte der Alte,was ist das für ein Mensch,der Georg Körner?"

Der ist gut und rechtschaffen, der thut Niemand,etwas zu leid!"

Ein heimtückischer Kerl ist's, dcr's schon lange meinem Sohne zugeschworen,"riefen die Frauen fast zu gleicher Zeit.

Still! das ist ja zum Taubwerden," gebot wieder der Rath.

Herr Gcrichtsralh, ich bitte, lassen Sie mich sprechen," bemerkte die Müllers-Wittwc, und der sonst so losplatzende Alte bewilligte doch die Bitte und wandte sichaugenblicklich zu Marianne:Liebes Kind, ich kann Sie jetzt nicht mehr brauchen,gehen Sie ruhig nach Hause." Marianne zögerte; aber der alle Rath entfaltete jetztden keinen Widerstand duldenden Beamten. Marianne mußte sich, obwohl schwere»Herzens, entfernen. Ihr folgte ein böser, triumphircnder Blick der Wittwe.

Die Müllerwitlwe war eine große, starke Frau, und trotz ihrer 50 Jahre vonblühender Gesichtsfarbe und voller kräftiger Gestalt. Sie haßte Marianne und hattediese Verbindung auf alle erdenkliche Weise zu hintertreiben gesucht, weil sie fürchtete,mit dem Einzüge der neuen Wirthin ihre Herrschaft und damit die Gelegenheit zu ver-lieren, für ihren eigenen Sohn noch etwas bei Seite zu legen. Ihr Stiessohn hatte aberalle Warnungen in den Wind geschlagen, weil er Marianne wahrhaft geliebt.