Ausgabe 
29 (3.1.1869) 1
 
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Kein Wunder, daß die alte Frau dem jungen Mädchen nicht vergessen konnte, ihrenSlicfsohn so arg bezaubcrt zu haben. Jetzt konnte sie, wenn sie die Sache aufdeckte undden Mörder nannte, Mariannen den gehabten Aergcr heimzahlen, und sie that es ohneRückhalt, denn sie schien überzeugt, daß Georg ihren Slicfsohn ermordet und Mariannewohl gar darum wisse.

Nun, Frau Meisterin, erzählen Sie," wandte sich der alte Kriminalrichter unge-niein freundlich an die Müllcrwittwe.

Es ist der Georg Körner, Herr Gcrichtsrath," begann die Alte.Niemandanders; die Kleider von meinem armen Wilhelm liegen noch alle auf dem Stuhle, wieSie es gesehen haben, aber jetzt war ich noch einmal oben und nun ist mir Alles klar."

Was ist Ihnen klar?" fragte der Gerichtsrath.

Daß der Georg der Mörder," cntgcgnete die Frau,ich habe auf dem Tische einrothes Halstuch gefunden, das gehört nicht meinem Sohne, sondern dem Georg, wie dieLeute sagen."

Wer sagt es? Wo ist das Tuch? Ich muß selbst sehen, wo es liegt," sagteder Gcrichtsrath.Meyer, warten Sie einen Augenblick," wandte er sich an seinenkleinen buckeligen Protokollführer, der ihm mit einem sonderbaren Lächeln nachsah undsich dann wieder eifrig über seine Akten bückte.

Wenige Minuten später kehrte der Gcrichtsrath allein zurück; er hatte das Tuch inder Hand.

Die beiden Knechte wurden jetzt vernommen, angepoltert, eingeschüchtert und erstnach langem, heftigen Schimpfen des Gcrichtsraths wurde so viel aus ihnen hcraus-gepreßt, daß sie das Tuch noch vor acht Tagen bei ihrem Kameraden Georg gesehen undes genau wieder erkannten, ja sie wußten zuletzt einen für den armen Georg noch gra-vircndern Umstand zu bekunden. Beide bezeugten und beschworen, daß Georg sich nochin der zehnten Stunde der vergangenen Nacht aus dem Stalle, wo sie zusammenschliefen, heimlich und geräuschlos entfernt, und erst nach Mitternacht zurückgekommen.Genug Jndicicn, um die Schuld Georgs außer Zweifel zu setzen.

Noch an demselben Tage wurde Georg Körner verhaftet und in die Stadt gebracht.Am folgenden Morgen schritt der Gcrichtsrath zu seinem Verhör. Der junge Burschesah blaß und' niedergeschlagen aus, seine dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen undwaren ohne allen Glanz, vielleicht waren es nur die Folgen der schlaflos zugebrachtenNacht. Der ganzen Erscheinung fehlte nur das Robuste eines Knechtes, er war schlankund schmächtig, und nur von mittlerer Größe. Man hätte ihn für einen schwächlichen,zaghaften Menschen halten können, aber in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag Festigkeitund Trotz. Die dunklen Augen mit den starken Brauen und dem etwas vorstehendenKinn deuteten auf einen unbeugsamen Charakter.

Der Gerichtsrath war, als Georg zum Verhör gebracht wurde, in seiner übelstenLaune; denn jeden Morgen stieg er wie ein drohendes Gewitter in die Aktcnstube hinab,um sich unter Blitz und Donner am Tage über zu entladen und dann nur Abends beimWhist unter alten Freunden einen Streifen heitern Himmels zu zeigen.

(Fortsetzung folgt.)

Von der Lebensversicherung.

Wie's in der Natur überall seinen geregelten Gang geht und wie bei aller Viel-fältigkeit der Erscheinungen dem menschlichen Auge und Geiste immer neue, weise Gesetzebemcrklich werden, die die Alles durchwaltendc Gottcskraft gegeben hat, damit die herrlicheSchöpfung, Erde, trotz ihrer vielfachen Wandlungen dennoch unwandelbar ihrer Bahngetreu dahinrollc und alljährlich von Neuem wachse, grüne und blühe: So hat der auf?