Nro. 2.
10. Januar 1869.
Wie Krystall und Eis, so qlciche» sich Wahrheit und Lüge. Beide können strahlen; nurbleibt jenes, und dieses vergeht.
Gerächt «nd gerichtet.
(Forschung.)
Der alte Kriminalrichter saß, wie immer, hinter seiner Barriere und nahm beimEintritt des Jnkulpaten eine Prise, um den letzteren mit geschärften Augen anblicken zukönnen. „Er ist also der nichtSwürdige Mordkcrl, der den Müller todt geschlagen?" —donnerte er Georg an.
„Das bin ich nicht!" cntgegncte dieser ruhig.
„Schweig Er und antwort' Er nur, wenn Er gefragt wird. Er hat mit Konrad'sMarianne eine Liebschaft gehabt?" fragte der Alte weiter.
„Nein, das habe ich nicht," war die gelassene Antwort.
„Was? Er längnet, was dorfbekannt?" rief der Gerichtsrath entrüstet, „so fang'
Er mir nicht an, sonst wird's nicht gut!" setzte er drohend hinzu und fuchtelte dabeimit einem Aktenstück in der Luft.
„Ich bin der Marie gut gewesen und sie mir, aber eine Liebschaft haben wir nichtgehabt!" cntgegncte Gcv'-g Körner.
„Wie? Er untersteht sich, solche Wortklaubereien vorzubringen? Das ist ganzgleich; Er hat eine Liebschaft mit ihr gehabt, versteht Er mich? Und Er ist wüthenddarüber gewesen, daß sie einen Anderen hat hcirathen wollen."
„Weil ihr Vater sie gezwungen," entgegnete der junge Bursche rasch, und in denmatten Augen blitzte es seltsam auf.
„Und Er hat deßhalb seinen Nebenbuhler aus dem Wege geschafft? Läugnc Ernicht länger! Wir haben die klarsten Beweise. Ist das nicht Sein Tuch?" — unddamit brachte er das corpu8 ckalieli hervor.
„Ja wohl!" entgegnete der Bursche unbefangen; „ich hab's vor einigen Tagen rSei Marianne vergessen."
„Ha, ha! da ist Er ja schon gefangen! Das Tuch lag in der Kammer desErmordeten, und Er hat cS dort in der Eile liegen lassen."
Das bleiche Gesicht GevrgS wurde noch bleicher, ein kalter Schauer lief durch seinenKörper, denn er fühlte, daß sich über seinem Kopfe ein dunkles Netz zusammenzog, demer schwerlich entrinnen würde./
„Nun? Will Er Alles gestehen? Er kommt doch nicht los!"
„Ich weiß nicht, wie das Tuch dorthin gekommen," brachie Georg mühsam hervor,„aber ich bin bei Gott unschuldig!"
„Dummes Zeug! Gesteh' er lieber die ganze Geschichte! Wie hat Er's angefan-gen, in die Mühle zu kommen? Er muß den Müller im Schlafe überfallen und dannfortgeschafft haben?" Mit diesen Fragen überschüttete ihn der Kriminalrichlcr und seinegrauen Augen ruhten stechend auf ihm.
„Ich bin vorgestern mit keinem Tritte aus unserem Dorfe herausgekommen, daskann ich mit den heiligsten Eiden beschwören."