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„Ach was, beschwören! Weiß Er noch nicht, daß Er in Untersuchung und zukeinem Eide kommt? Wo will Er denn gewesen sein? He? Kann Er Zeugen bringen,daß Er am Mord-Abende ganz wo anders war?"
Die Brust des armen Burschen hob sich, ein Freudcnstrahl blitzte aus seinen Augenund er cntgeguetc rasch: „Ja, das kann ich." Plötzlich schien er sich zu besinnen, erflüsterte ein Wort leise vor sich hin und dann setzte er laut und heftig hinzu: „Nein,nein, das kann ich nicht sagen, und wenn Sie mich zehnmal zum Mörder machen."
„Was? Er gestehe augenblicklich, wo Er gewesen."
„Nein!"
„Ich werde Dich dazu zwingen, Bursche!" cntgegncte der Rath und sein Gesichtbedeckte sich mit Zorncsröthc.
„Sie können mich in Stücke reißen, und ich schweige doch! erwiederte Georg mitäußerster Entschlossenheit.
„O ho, mein Bursche, Du bist noch zu zwingen!" rief der Gcrichtsrath wüthendund schellte heftig an einer Klingel. Ein Exekutor trat herein. Es war noch in jenenzum Glück entschwundenen Tagen, in denen Stockschläge zu den Ueberredungsmittclngehörten. „Ruft mir den Stockmeister!" befahl der Gcrichtsrath, „und schnallt den Kerldort auf die Bank, ich werde kurzen Prozeß mit ihm machen." Die Augen Georgsbegannen zu funkeln, eine Flammenröthc schlug in sein blasses Gesicht, als jetzt noch eingroßer starker Mann eintrat, dessen in der Hand gehaltene Peitsche den modernen Folter-knecht bekundete.
„Hartmanu, zählt dem Kerl fünfzehn auf," wandte sich der Rath an den zuletztEingetretenen. „Zu Befehl!" murmelte dieser mit einem heimtückischen Lächeln.
„Rührt mich nicht an," rief Georg verzweifelt, „oder es wird nicht gut!" SeineFäuste ballten sich und seine Lippen bebten in krampfhafter Aufregung.
„Halt still, mein Junge!" cntgegncte der Riese und näherte sich dem zum äußerstenWiderstände bereiten armen Burschen; aber noch ehe der Letztere einen verzweifeltenVersuch der Abwehr wagen konnte, hatte ihn schon der Exekutor von hinten gefaßt undzur Erde geworfen. In wenigen Sekunden war er ein willenloses Schlachtopfcrseiner Peiniger.
Eine solche Züchtigung ist stets schmachvoll und empörend; aber auf einen nochnicht völlig ^abgestumpften Menschen wirkt sie vollends vernichtend. Obwohl man aufdem Lande mit Schlägen und Stößen nicht kargt, war doch Georg durch sein dienst-williges Wesen jeder, auch der kleinsten Züchtigung entgangen; um so tiefer mußte ihnjetzt ein Akt brutaler Gewalt berühren, den er nicht mehr zu überleben getraute. Erwar einer Ohnmacht nahe und wäre vielleicht zusammengebrochen, aber das höhnendeLachen des Gcrichtsraths und sein schonungsloser Spott weckten ihn aus der Betäubung,und anstatt schwach und elend zusammenzubrechen, kochte Haß und Wuth in seiner Brust.Kaum, daß seine Peiniger ihn losgelassen und glaubten, daß er vor Schmerz sich nichterheben würde, da sprang er wie ein Tiger auf; mit einem Satze war er über derBarriere und in der Nähe des Gcrichtsraths, und mit wahnsinniger Wuth umkralltenseine Finger den Hals des grausamen Alten.
Die beiden Gerichtsdicncr hatten Anfangs unthätig dem wilden Angriff des jungenMenschen zugesehen, vielleicht aus Uebcrraschung über den unerwarteten Vorgang, vielleichtauch aus geheimer Schadenfreude, dem tyrannischen Vorgesetzten diese arge Demüthigunggönnend. Aber lange durften sie nicht zaudern, wollten sie sich nicht zu Mitschuldigenmachen, und mit derben Fäusten rissen sie jetzt den wüthenden jungen Menschen hinweg.
„Ah, der Mörder!" keuchte der Gerichtsrath mühsam hervor und noch braunrothim Gesicht. „Bindet, knebelt ihn! Sich an seinem Richter zu vergreifen, das ist nochschlimmer als Mord! Werft ihn in's Paradies! — so nannte der Gcrichtsrath ironischdas feuchteste und elendeste Loch des Gefängnisses, und man gehorchte seinem Befehl.