Ausgabe 
29 (10.1.1869) 2
 
Einzelbild herunterladen

Auf Niemand im Dorfe schienen diese finsteren Ereignisse einen sonderbaren Eindruckhervorgebracht zu haben, als auf das Hirtenmädchen, die Rose. Sie sprang oft wie tollin der Stube herum und rief jubilirend:Ich weiß was, ich weiß was!" Aber wen»ihr Mitgesinde sie fragte, dann kicherte sie vor sich hin und verzog ihr Gesicht zu einemhämischen Grinsen. Nose war ein kleines, frühreifes Geschöpf, das mit aller Beweglich-keit auch die Bosheit eines Affen verband. Sie hatte, da ihre Eltern früh gestorben,sich fortwährend unter fremden Leuten herumtreiben müssen; sie war geschlagen und ge-stoßen worden, aber Niemand hatte an sie ein freundliches Wort verschwendet, und diesesAufwachsen im vollen Schatten der Lieblosigkeit mußte ihr ganzes Wesen verkrüppeln undGift und Galle in ihr Herz träufeln. Von der Natur mit ungewöhnlichem Verständebegabt, richtete sich all' ihr Denken daranf, die Mißhandlungen ihrer Umgebung durchboshafte Streiche zurückzuzahlen. Sie erkannte rasch die Schwächen und Fehler desneuen Mitgesindes und äffte sie zur großen Belustigung der Uebrigcn augenblicklich nach;rächte sich der Ankömmling durch ein paar derbe Schläge, dann war der Spaß um sogrößer, und Niemand erhob die Hand zu Nose's Schutze. Aber sie war auch unermüdlichim Ausspüren der Geheimnisse Anderer, keine noch so verborgene Liebschaft, kein noch soheimlicher Unterschlcif blieb von ihr unentdeckt, und schadenfroh wurde das Geheimnißpreisgegeben. Sie hetzte Alles gegeneinander und ihr kobo dartigcs Treiben machte es,daß man sie nirgends lange duldete und von Dienst zu Dienst trieb Nur bei ihremletzten Dienstherrn, dem Bauer Konrad, hatte sie schon ein Jahr ausgehalten, denn dieserhielt mit eiserner Strenge auf Ordnung, Alle gehorchten ihm auf's Wort; auch Rosehalte eine große Furcht vor dem ruhigen, ernsten Manne, und hütete sich wenigstens,daß ihre boshaften Eulcnspicgelstrciche nicht zu seinen Ohren kamen. Selbst ihre dämo-nische Natur schien sich in letzter Zeit etwas verloren zu haben, und dies war ihremfrüheren Dienstgcnosscn Georg zuzuschreiben. Er war der Einzige, der sie nicht ver-spottete, ja mit ihr freundlich sprach und sie gegen die Unbilden der Anderen in Schutznahm. Das arme, überall getretene und geschlagene Mädchen vergalt ihm seine Freund-schaft durch die größte Anhänglichkeit; sie war unermüdlich, ihm kleine Dienste zu leistenund lauschte ihm seine Wünsche an den Augen ab. Leider sollte ihr Glück nicht langedauern; bald hatte sie mit ihrem unheimlichen Spürsinn das so verborgen gehalteneLiebes - Verhältniß Georgs und Mariannens entdeckt, und jetzt war es mit ihrer Ruhedahin. In dem durch harte Arbeiten zwar körperlich zurückgebliebenen, durch ihre eigen-thümlichen Schicksale aber weit über ihr sechzehnjähriges Alter geistig entwickeltenMädchen begannen sich alle Qualen der Eifersucht und mit ihnen ein böser Dämon zuregen. Ihrem boshaften Geplaudcr verdankte Georg seine Entlassung und damit glaubtesie Alles gethan zu haben, den jungen Burschen wieder für sich zu gewinnen; vollendsüberglücklich war sie, als Mariannens Verlobung zu Stande kam. Als Rose von derVerhaftung Georgs hörte, war sie Anfangs niedergeschlagen, bald aber gewann ihrekoboldartigc Natur den Sieg und sie zeigte sich lustiger und übermüthiger, als je. Unterallerhand Grimassen ließ sie oft verstehen, daß sie jetzt dem Bauer seine Ohrfeige heim-zahlen könne.Du Nickel," meinte dann die Großmagd einmal erbittert,ich werde esdem Bauer sagen, damit er Dich zum Hofe hinausprügelt."O, ich kann alles^gehen," entgegnete Nose und schnitt ein Gesicht, und ehe noch die Großmagd zu einemstrafenden Streiche ausholen konnte, war der Kobold in den Alkoven deS Bauersverschwunden.

Was der Bauer für Augen machen wird," bemerkte die zweite Magd.GebtAcht! sie wird wie ein Reisigbündel herausfliegen!" ri;f die noch vor Aerger kirschrotheGroßmagd.

Der Bauer saß am Fenster und rasirte sich zum morgigen Sonntage. Er sah inseinem kleinen Spiegel das Eintreten des Mädchens, wendete sich deßhalb beim Geräusch