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der geöffneten Thür nicht erst um, sondern erwartete ruhig die Anrede des wunderliche»Gastes. Rose hatte, so lange sie dem Bauer diente, noch nie dies Zimmerchcn betreten,noch nie den Bauer aus freien Stücken angeredet, dennoch trat sie keck näher heran undbegann: „Herr Konrad, ich hab' Ihnen was zu sagen." Der Bauer wendete sich auchjetzt noch nicht um, er behielt ruhig das Rasirmcsser in der Hand und schabte die eineSeite seines Bartes herunter, dann erst drehte er sich halb um und fragte: „Nun?" —Rose hatte kaum das zur Hälfte noch mit Schaum bedeckte, zur Hälfte glatt rasirte Gesichterblickt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach und wie immer ihre tollen, lustigenSprünge machte. Dies brachte den Bauer doch aus seiner gewohnten Ruhe, er stand«uf und streckte den nervigen Arm aus, um das freche Geschöpf zu ergreifen und zuzüchtigen, aber Rose entschlüpfte ihm wie ein Aal aus den Händen, und die vergeblichenAnstrengungen des Bauers, sie zu fangen, steigerten nur ihre milde Lustigkeit, und unterlautem Gelächter rief sie immer: „Warten Sie nur, ich hab' Ihnen etwas zu sagen."Der Bauer, immer wüthender gemacht, ergriff den kleinen Spiegel und schleuderte ihnnach dem Kopfe des Mädchens, daß er in Stücke zersprang. Die Kleine, obwohl wenigverletzt, sing augenblicklich jämmerlich zu weinen au und schluchzte wie ein geschlagenesKind hervor: „Nun sag' ich's allen Leuten!"
„Was willst Du sagen?" rief der Bauer entrüstet. „Hinaus mit Dir!"
„O, Ihr sollt mich schon bitten, hier zu bleiben," entgcgncte Rose, „wenn ich sage,was ich weiß, dann reißt Ihr Euch die andere Hälfte Eures Bartes aus;" und sie ver-fiel wieder in ihr wildes, koboldartigcs Lachen.
„Ich jage Dich noch heut aus meinem Dienst!" rief der Bauer von Neuem undsuchte wiederholt des Mädchens habhaft zu werden. Rose schlüpfte wieder unter seinenHänden hinweg, und von der steigenden Aufregung des Bauers zu immer größererLustigkeit aufgestachelt, wiederholte sie in kindischer Weise fortwährend: „Ich weiß was,Georg ist unschuldig, Georg ist ganz unschuldig!"
„Was geht mich der Lumpcnkcrl an," brummte der Bauer.
„Ja, Georg ist unschuldig," rief noch einmal Rose, „er kann nicht den Müllererschlagen haben, denn er steckte ganz wo anders."
„Marschir hinaus, wenn Du weiter nichts weißt!" entgcgncte der Bauer heftig.Nose's ohnehin unregelmäßigen Züge verzogen sich zum häßlichsten Grinsen, sie zog sichvorsichtig nach der Thür zurück und, schon die Klinke in der Hand, rief sie: „Er stecktebei Mariannen, ha, ha, einen Abend vor der Hochzeit," und mit diesen Worlen wolltesie entschlüpfen; aber ihres Herrn eiserne Faust hatte sie schon erfaßt, mit einem Ruckwar sie wieder mitten im Zimmer, und er rief: „Was sagst Du, Canaille?" — Roseschien sich an dem Zorn ihres Brodherrn zu weiden, und ohne Furcht cntgcgnete sie:„Es ist doch wahr, ich hab' sie belauscht, und er blieb bis nach Mitternacht!" Kaumwaren diese Worte heraus, da schwebte sie auch schon, von den nervigen Armen desBauers gehoben, hoch in der Luft. Seine Wuth schien der gewohnten, eisigen Ruhe ge-wichen zu sein, nur seine grauen, kalten Augen ruhten durchbohrend auf dem Mädchen,und er wiederholte leise: „Was sagst Du?"
-kose hatte bei der größten Wuth des Bauers gelacht, jetzt bei seiner Ruhe verlorHe die Fassung, ihre Augen irrten scheu und schüchtern umher, vielleicht ahnte sie, daßihr Kopf in der nächsten Minute an der Wand zerschmettert werden könnte, und inhündischer Unterwürfigkeit stöhnte sie hervor: „Nein, nein, es ist nicht wahr, ich wollt'Euch nur ärgern, weil Ihr mir am Hochzeitsmorgcn eine Ohrfeige gegeben."
„Das war Dein Glück," murmelte der Bauer, „und Du wirst still sein und keinWort mehr davon schwatzen?" und seine harte Hand schnürte dem armen Mädchen fastdir Brust zu.
^ „Ich will still sein, wie das Grab," röchelte Rose.
^„Das ist gut," bemerkte der Bauer, und damit ließ er das Mädchen los, das