Ausgabe 
29 (17.1.1869) 3
 
Einzelbild herunterladen

20

Und er hat eS nicht gesagt," unterbrach sie Marianne,der Unselige!"

Eher will er sich die Zunge auSreißcn lasten, hat er entgegnct."

Dann muß ich es thun!" rief Marianne und ihr Auge glühte, es schien ei»anderer Geist über das schwache, haltlose Mädchen zu kommen.Gehst Du wieder indie Stadt?" fragte sie die Nahteriu hastig.

Warum?" fragte diese.

Ich muß hin, der Georg ist unschuldig, und, o Gott, sie haben ihn gepeitscht!"

Du willst doch nicht jetzt gleich fort?" warf die Nähtcrin ein,Nachmittag istder Justizralh nicht zu sprechen, das hat mir mein Bräutigam gesagt."

Ich muß ihn sprechen; Georg darf keine Stunde lang mehr im Gefängniß sitzenund sich peitschen lasten!"

Wende Dich nur zuerst an meinen Bräutigam," begann die Nähterin wieder,erwohnt" aber Marianne hörte sie nicht, sie war schon im Anziehen ihres Sonntags-staates begriffen und suchte hastig in ihren Kästen und Schränken.Adjes," sagte dieSchneiderin gekränkt,gute Verrichtung," und kopfschüttelnd ging sie von bannen.

Marianne war in wenig Minuten fertig angekleidet, denn nur ein Gedanke füllteihr ganzes Herz: fort in die Stadt, den Geliebten zu retten. Schon hatte sie den Fußauf der Thürschwcllc, da trat ihr Vater herein.Wo willst Du hin?" fragte er inseinem gewohnten, ernsten und barschen Tone.

Marianne crschrack; sie fühlte Plötzlich wieder die feindliche Macht, die sich ihremBekenntniß drohend gegenübergestellt und es ihr unmöglich gemacht, ein einzig Wort zurRettung ihres Geliebten zu sagen. Aber nur einen Augenblick überwältigte sie die alteSchwäche, nur einen Augenblick stockte ihr das Wort auf der Lippe , im nächsten schonerwachte von Neuem der Gedanke an Gcorg's Rettung, da galk's nicht länger, zu zagenund zu schwanken, die Liebe war größer als die Furcht und sie entgegnete, wenn auchleise, doch fest und ruhig:Vater, ich darf nicht länger schweigen, sie peitschen Georgund er ist unschuldig, ich allein weiß es, er kann den Müller nicht erschlagen haben,denn er war in jener Nacht bei mir in meiner Kammer!"

Der sonst so ruhige, eicheufcste Bauer, der selbst die Nachricht von dem Mordeseines Schwiegersohnes ruhig hingenommen, Prallte bei den Worten seiner Tochter eine»Schritt zurück, seine finstern, buschigen Augenbrauen zogen sich noch drohender zusammen,er ballte die Fäuste und wollte einen Fluch ausftoßcn, Plötzlich schien er sich zu besinnen,ein heiseres Lachen drang aus der wie zugeschnürten Kehle, und er stieß hastig hervor:Marianne, Du lügst. Du willst ihn nur frei machen," und doch schwirrten ihm schondie verworrenen Redender kleinen Rose" durch den Kopf.

Nein, ich lüge nicht, es ist die Wahrheit, laß mich nun gehen und Alles sagen,"und sie wollte an ihrem Vater vorbei und zur Thür hinaus.

Du bleibst!" herrschte ihr der Bauer zu,Du willst Deine Schande in die Stadtund aus's Gericht tragen, das soll nicht geschehen."

Ich muß es," sagte die Tochter mit jener Entschlossenheit, die sich geradeschwächlicher Charaktere, wenn sie einmal aufgestachelt werden, am meisten bemächtigt.Der Bauer blickte verwundert auf fein Kind, das zum ersten Male seinen eigenen Willenzeigte; aber er war nicht der Mann, der sich über diese Regung von Selbstständigkeitgefreut, er hielt es für Trotz, den er zu beugen habe und entgegnete, immer zornigerwerdend:Ku bleibst zu Hause, oder"

Ich ka»n''.nicht, Vater! Der Georg mag es nicht bekennen, wo er gewesen, undsie peitschen ihn." ^

Mögen sie On lieber Peitschen, den Naseweis, als Deine Schande erfahren, ichhab' überall auf Zurrst und Ordnung gesehen, ich hab' mich Deiner Bravheit gerühmt,und nun willst Du 4mch Zum Gespött des Dorfes machen, Marianne!" fuhr der Bauerweicher werdend, fe^rt er hatte seit langer Zeit nicht so viel gesprochenich will