Ausgabe 
29 (17.1.1869) 3
 
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Dir den Fehl verzeihen, denn Du bist mein einzig Kind, aber Dn mußt darüber schwei-gen, Du darfst nicht diese Schande über meine grauen Haare bringen."

Es ist keine Schande, er kam in allen Ehren zu mir und Batcr, denk', der Georghat geschwiegen unter den größten Qualen, und ich sollte schlechter sein wie er, nichtsprechen, selbst wenn es mir eben so viel Schmerzen kostet, als sein Schweigen."

Pah, wenn er es auch gesagt, wer hätt' es ihm geglaubt und was könnl's ihmauch nutzen, er kommt doch nicht los; Marianne, sei vernünftig und bring' mich nichtzum Acnßcrstcn." Die ohnehin harten Züge des Bauers nahmen den alten, finsternAusdruck an,

Nein, ich kann nicht schweigen, sei barmherzig und laß mich fort," und Mariannewollte bittend seine Knie umfassen.

Fort!" wiederholte höhnisch der Bauer und stieß sie zurück.Gut, aber komm'nie wieder; wenn Du das bekennst, darfst Du nicht mehr über meine Schwelle; nungeh', wenn Du noch Lust hast." Marianne wollte sprechen.Kein Wort!" rief derAlte nnt zitternder Stimme und entfernte sich mit einer drohenden Gebcrde, die an demErnst seiner Worte keinen Zweifel zu lassen schien. Marianne streckte flehend die Händegegen ihren sich entfernenden Vater aus und sank dann wie gebrochen zusammen. Solag sie eine Weile in tiefster Verzweiflung am Boden, die heißesten Kämpfe zwischenKindespflicht und Liebe in ihrer Seele durchmachend. Plötzlich raffte sie sich wieder auf,ihr Auge erhielt einen höheren Glanz, das Opfer war gebracht, es gab ja keine Wahl,und festen FußcS schritt sie hinaus.

IN.

Der Justizrath schlürfte eben seinen Nachmittagskaffee, als Marianne noch in fieber-hafter Aufregung und auf die abweisende Bedienung nicht achtend, zu ihm hereingestürztkam. Der Justizrath, von dieser Keckheit überrascht, blickte verwundert aus das jungeMädchen, dann wollte er auffahren und poltern, aber von seiner alten Schwäche gegendas weibliche Geschlecht übermannt, fragte er beinahe heiter:Mädchen, was willst Du?Hast Du's gar so eilig?"

Ja, Herr GcrichtSrath, lasten Sie ihn frei, er ist unschuldig!"

Wer ist unschuldig?" fragte der Alte ziemlich gelassen und nahm behaglich einenZug aus seiner Tasse.

Der Georg Der Bcrmste!"

Was? dieser Hallunke unschuldig?" fuhr plötzlich der Justizrath auf, und setztedie Tasse so heftig hin, daß sie in Scherben zerbrach;dieser Räuber und Mörder,"fuhr er, erbittert über den Verlust der Taste fort,der den Tod zehnmal verdient;Mädchen, was schwatzt Du da!"

O, Herr Justizrath, das ist Alles nicht wahr, Georg ist unschuldig."

Er soll aus's Rad, der Schurke, er hat mich" der Justizrath hielt augenblick-lich innc, um nicht die Schande zu bekennen, daß er von einem Verbrecher so gröblich

insultirt worden und spielte verlegen mit den Trümmern seiner Taste.

Er ist dennoch unschuldig; ich allein weiß davon" Sie stockte, eine Flammcn-röthe schlug in ihr Antlitz, jetzt erst fühlte sie, wie tief ihr weibliches Gefühl durch einöffentliches Bekenntniß verletzt werden sollte, das einen falschen Schein auf sie werfen mußte.

Nun, was weißt Du denn?" fragte der Justizrath scharf,nichts weißt Du, geh'nur, Kind, Du kannst »och nicht ordentlich lügen."

Ich lüge nicht, ich will die Wahrheit sagen, mag sie noch so viel Schimpf undSchande auf mich bringen, der Georg kann den Mord nicht begangen haben, denn"diese letzten Worte stieß sie hastig heraus,er war in jener Nacht bei mir."

So?! und das fällt Dir jetzt erst ein, liebes Kind," entgcgnete der Justizrath

ironisch,davon hast Du bei Deinem ersten Verhör nichts gewußt; ei, seht einmaldie Unschuld."