Ausgabe 
29 (17.1.1869) 3
 
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»Ich durfte ja nichts sagen, ich mußte nur auf die Fragen antworten und*

»Du schämtest Dich," umcrbrach sie der Gcrichtsrath,ja, ja, eine Nacht vor derHochzeit, das wäre! aber das traut Dir Niemand zu, das ist nicht wahr."

»Ich bin nicht schlecht, wenn's auch so scheint," cntgcgncte Marianne;ich mußteden Georg noch einmal sprechen, weil er immer so heftige Reden geführt und so ver-zweifelt gewesen, und ich hab' ihn so lange gebeten, bis er sich drein gefunden und ruhigfortgegangen; um 1 Uhr war er noch bei mir, wie sollt' er da den Müllerermordet haben?"

Siehst Du, Mädchen, Dein eigenes Zeugniß spricht gegen den Kerl, Du hastauch gefürchtet, daß er Deinen Bräutigam hat ermorden wollen!" und die grauenAugen des Justizraths ruhten stechend auf Mariannen.

Ja nein," cntgegnete Marianne unsicher,die Leute haben freilich seine Worteso gewendet und gedreht, er hat gewiß nicht gedacht, die Hand an meinen Bräutigamzu legen, aber an sich selbst; ich wollt' nicht, daß er um meinetwillen in den Tod gingund deßhalb hab' ich in jener Nacht mit ihm gesprochen."

Deßhalb? So, so!" erwiderte der Justizrath.Kind, man merkt die Absichtund wird doch das verstehst Du nicht Selbst das Alles für wahr genommen,"fuhr er fort,sag' mir, wie kam das Halstuch des Georg in die Kammer des Erschla-genen? Ei, siehst Du, Du bist gefangen."

Marianne sann einen Augenblick nach, dann leuchteten ihre Augen freudig auf.»Jetzt fällt es mir ein; nicht wahr, es ist ein roth-seidenes?"

Ja wohl!"

Der Georg hatte es vergessen, als er das letztemal uns besucht, mein Bräutigamfand es, er kannte das Tuch, und weil er sah, daß es mir so lieb war, nahm er'smir weg, das waren zwei Tage vor der Hochzeit."

Dummes Zeug!" lachte der Justizrath,mein liebes Kind^ ich sehe. Du hast denbesten Willen, aber den Georg lügst Du nicht mehr vom Galgen los."

Es ist die Wahrheit, ich will darauf den heiligsten Eid leisten," cntgcgncteMarianne erregt.

Still, still! Du meinst es gut mit den, schlechten Kerl, Du schlägst sogar Deinenguten Ruf in Scherben" er sah auf das Tablett, die zerbrochene Taste brachte ihmdies Bildaber Du bist doch nicht glaubwürdig."

O, Sie mästen mir glauben, Georg ist unschuldig, so wahr"

»Versündige Dich nicht," unterbrach sie der Justizrath.Doch, nun lassen wir dieAllotria, komm' morgen in das Audienz-Zimmer, da werde ich Dich amtlich vernehmen,doch nur pro inlormationo," und mit einer herrischen Handbcwcgung befahl erMariannen, sich zurückzuziehen.

Da stand sie nun draußen auf der Schwelle, rath- und hilflos, wie eine Träu-mende, sie hatte geglaubt mit diesem einzigen Worte, das ihr ja Viel, so unendlich Vielgekostet, die Fesseln Georg's augenblicklich sprengen zu können, und jetzt glaubte man ihrnicht einmal, jetzt verwies man sie auf morgen. Zurück in das Dorf zu ihrem Vaterkonnte sie nicht, wenigstens heut' nicht, und nach langem, rathlosen Hin- und Her-schwanken suchte sie endlich Bertha Perry, die Nähtcrin, auf, die sie mit eitler Selbst-gefälligkeit bereitwilligst in ihr kleines Stäbchen aufnahm.

Am andern Tage wurde Marianne vernommen; aber die ganze Aussage wußte derJustizrath so zu fasten, daß sie für Georg völlig einflußlos blieb, um so mehr, als derErstere von ihrer eidlichen Vernehmung Abstand nahm. Der Justizrath mußte ausMariannens ganzem Wesen und Benehmen die Ueberzeugung schöpfen, daß sie Georgum jeden Preis retten und seine Unschuld mit Hingabe der ihren erkaufen wolle.

Bor Gericht hatte Mariannens Aussage keinen Glauben gefunden, dafür in ihrem