Ausgabe 
29 (24.1.1869) 4
 
Einzelbild herunterladen

Nnk,. 4.

24. Januar 1869.

Greis' niemals in ein Wespennest,Doch wenn du greifst, so greife fest.

Gerächt und gerichtet.

(Fortsetzung.)

Der schlcsische Bauer ist nicht eine solch' harte, unbeugsame Eichcnnatur, er gibt sichgern das Ansehen einer gewissen Gesctzhcit und Würde, er wird sich selbst gegen Elternund Geschwister keine Aeußerung der Zärtlichkeit zu Schulden kommen lasten; aber unterdieser rauhen Hülle verbirgt sich ein weicher, oft nur zu biegsamer Charakter, wie erallen Schlcsicrn eigen ist; auch der alte Konrad war lange nicht der harte, unbeugsameMann, als es den Anschein hatte. So lange Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen,konnte er wohl als cichenfestcr Charakter gelten, den. Jeder aus dem Wege zu gehenhabe; wer ihm entschieden Trotz geboten, dem hätte seine nur äußerliche Härte nichtStand gehalten. So war es ein Unglück, daß gerade die scheue und schüchterne BerthaPerry sich als Vermittlerin aufgeworfen und hinausgegangen war, den Vater ruhiger zustimmen und eine Versöhnung anzubahnen. Hätte ihn Jemand mit Vorwürfen über-häuft, ihm kräftig zu Gemüthe geführt, wie schlecht und unrecht er an seiner Tochterhandle, er würde eingestanden haben, daß es nicht so böse gemeint gewesen; das furcht-same, ängstliche Benehmen der Nähterin dagegen forderte seinen alten Trotz heraus, undje mehr diese bat und vorstellte, je unerbittlicher wurde der Alte, je weniger wollte ernoch von seiner Tochter wissen.Fort mit Euch Allen!" rief er hastig, sich selbst inimmer größere Erbitterung hineinredend, und erst, als die Nähterin fort, da brach derganze Vaterschmrrz über ihn herein, da war er der alte schwache Mann, der unterthränenden Augen die Hände nach seiner einzigen Tochter ausstreckte. Es war zu spät;er wußte es selbst nicht, wie es gekommen, daß er statt dem einzigen, freudigen:Frei-lich soll sie wiederkehren," nur heftige Worte auf den Lippen gehabt und dieser wie vonselbst entstehende Widerspruch seines weichen Herzens mit seinem äußern harten Benehmenquälte und beunruhigte ihn immer mehr. Jeden Markttag fuhr er jetzt in die Stadt,ganz gegen seine Gewohnheit; es gab immer etwas zu erkaufen, und doch trieb ihn,obwohl er sich's selbst nicht eingestand, nur die Hoffnung, seiner Tochter einmal zubegegnen, vielleicht fuhr sie dann mit ihm zurück, und Alles war wieder gut. Er trafsie nie, denn die Aermste war unermüdlich thätig, ihren Unterhalt zu verdienen. Einmalsogar stieg er schon die erste Treppe zu ihrer'Wohnung hinauf; aber auf dem Flurmachte er Halt, und nach echter Bauernart begann er jetzt erst zu überlegen, sollte er alsVorwand Obst zum Kauf anbieten, oder Kartoffeln- Er trottete noch nachdenklich aufdem Hausflur hin und her, da öffnete sich schon eine Thür, eine alte Frau kam herausund schlug Lärm:Was will Er hier? wohl gar stehlen ach, was kaufen! Mach'Er nur, daß Er hinuntcrkommt," und der Bauer war wieder auf der Straße, er wußtenicht wie. Seitdem gab er es auf, seine Tochter zu suchen; er vergrübclte sich nurimmer mehr in düstere Schweigsamkeit.