Ausgabe 
29 (24.1.1869) 4
 
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Georg schmachtete inzwischen noch immer in härtester Gefangenschaft. Der Justiz.Rath führte die Untersuchung gegen ihn mit solcher Gehässigkeit, daß an feine Frei-sprechung nicht zu denken war. Zwar blieb das Finden der Leiche auf offenem Feldeimmer räthsclhaft, ja es war fast unmöglich, daß ein Einziger den starken Müller sollteüberfallen und ermordet haben. Und wie wenig sprach eigentlich für die Annahme, daßGeorg der Mörder sei. Die Aussagen seiner Freunde, die seinen Worten einen andernSinn untergelegt, seine Abwesenheit, das Finden des Tuches! Aber hatte das nichtMarianne aufgeklärt? Und war nicht selbst diese Angabe in Betreff des Tuches soeinfach und natürlich? Konnte das junge Mädchen augenblicklich eine solche geschickteLüge ersinnen? Nach dem Allen fragte der erbitterte Justizrath nicht; Georg war inseinen Augen ein wilder, leidenschaftlicher Bursche, der, von Eifersucht getrieben, desgrößten Verbrechens fähig. Vielleicht hatte der Mörder seine Complicen; es mußte sogarangenommen werden, und diese aus dem Jnkulpaten herauszuinquiriren, darin bestandjetzt die Kunst des alten Kriminal-Richters, darauf hin ließ er dem armen Menschen diehärteste, qualvollste Behandlung angedcihcn, selbst auf die Gefahr hin, den Untersuchungs-Zwang auf die schnödeste Weise zu mißbrauchen.

Georg mußte Tage lang im Finstern sitzen, hungern und dursten, dann, so abge-mattet, wurde er in das Gerichtszimmer geschleppt, mit Verhören gequält, bis er in ohn-mächtiger Wuth zusammenbrach. Eine solch' harte Zeit mußte verheerend auf den armenGeorg einwirken; der einst so heitere, lebenslustige Bursche war der Verzweiflung nahe,und starrte jetzt den ganzen Tag finster und brütend zu Boden. Er konnte sich nichtglücklich fühlen in dem Bewußtsein seiner Unschuld, nur Haß und Rache kochten undschäumten in seiner Brust. Alle finstern Anklagen gegen sein hartes Geschick, all' seinRechten und Hadern mit der Gottheit, die ihn verlosten zu haben schien, ballten sich indem einen Gedanken,, des Hasses gegen seinen Richter, zusammen. Ihm hatte er Alleszu verdanken, ihm seine Qualen, seine Martern, und darum lechzte er nur nach Freiheit,darum bat er Gott auf den Knieen, seine Unschuld an den Tag treten zu lasten, um seinenPeinigern heimzuzahlen, und sein halb crstorbencs Herz jauchzte bei diesem Gedankenwild und freudig auf. Marianne hatte ihm durch Vermittelung des Bräutigams ihrerFreundin jenes kleine Büchclchcn zugespielt, aus dem sie noch am Hochzeitsmorgen Trostgeschöpft, die Schriften des Wandsbeckcr Bote»; sie hoffte, daß auch ihr Geliebter darinFrieden und Ruhe finden würde; aber wie sehr hatte sie sich getäuscht! Aus demselbenBoden zieht die eine Pflanze heilende Säfte, die andere tödiendes Gift Georg lasnicht, wenn ihm sein Fenster geöffnet wurde, jene Lieder voll Frieden und Gottvcrtraucn,er fand andere Stellen darin, die mit dem finstern Gedanken seiner Brust wunderbarharmonirten. Dort in dem Briefe an Andreas stand es klar und deutlich:Das Herzhat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen, wie mit einem Vogel. Ueberhauptist es nicht Unrecht Auge um Auge, Zahn um Zahn." Hundertmal ruhten seine Augenauf dieser Stelle, sie schlug er immer von Neuem wieder auf, sie allein grub sich mitglühenden Lettern in seine Brust. Und dann:Schilt mir den Mann nicht, der fürRecht und Billigkeit stehen bleibt und die Hand an's Schwert legt. Etwas von demDrei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt, als auf sich selbst und seine guteSache stützt, und doch vor der Gewalt und Menge sich nicht beugen will, ist nicht soübel." Wenn er dies las, dann fühlte er wieder neue Kräfte über sich kommen; aucher wollte der Gewalt nicht weichen, und sollte er darüber zu Grunde gehen. Dannglühte sein Auge, dann wogte seine Brust; aber bald mahnte ihn sein entkräfteter Körper,daß selbst diese Aufwallung der Seele zu viel, und er sank nach solchen Aufregungenum so erschöpfter auf sein Lager.

Wochen, Monate vergingen über dieser Untersuchung, beinah' war ein Jahr heran-gerückt, und diese lange qualvolle Haft hatte nicht allein Georgs Körper untergraben,sondern auch seine Seele entkräftet und zerdrückt. Er hoffte nicht länger auf Befreiung,