Ausgabe 
29 (24.1.1869) 4
 
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Seele und spann um ihn sein dunkles Wolkennctz. Zuweilen besuchten ihn seine altenFreunde, der Maurer und dessen junger Better; aber ihre Bemühungen, den Weber auf.zuhcitern, schlugen gewöhnlich in das Gegentheil um; ja, so oft sie ihm auch als letztesTrostwort die volle Flasche hinhielten, er wies sie stets mit Abscheu zurück und desMaurers ewiger Refrain war dann:Du bist ein Waschlappen, ein altes Weib, nun,hätte ich das gewußt!" Mit der Zeit wurden die Zusammenkünfte dieser Drei immerstürmischer, es kam zum heftigsten Streit, und oft verließen die beiden Freunde unterheftigen Drohungen das Haus des Webers. Die Frau des Letzteren blickte ängstlich aufdieses Treiben, ihr ahnte nichts Gutes, aber sie wagte kein Wort davon zu sprechen,denn selbst die leiseste Berührung der Sache wies ihr Mann mit Heftigkeit zurück. Eswar ein trauriges Leben in die Hütte dieser armen Leute eingezogen. Früher hatte derWeber dasSchifflein" mit lustigem Gesang hin- und hcrgeworfcn, jetzt kam kein Tonmehr über seine Lippen, der Arm schien gelähmt und oft nach einigem Hin- und Her-ziehen ließ er die Hände feiern, stützte den Kopf in seine Rechte und versank in trübesHinbrütcn, aus dem ihn erst der Ruf seiner Frau wecken mußte. Das arme besorgteWeib hatte wenigstens gehofft, der Zustand ihres Mannes würde sich mit der Zeit

ändern und sein angebornes heiteres Temperament die Schwermuth überwinden, statt

dessen wurde er mit jedem Tage schwcrmüthigcr und trauriger, und sonderbar, wennwieder eine Nachricht durch das Dorf lief, daß die Schuld Georg's nun völlig festgestellt,verschlimmerte sich sein Zustand, dann warf er die Arbeit bei Seite, verschloß sich inseine Kammer und weinte wie ein Kind. Er, der früher nichts vom Kirchengehen ge-halten, versäumte jetzt keinen Sonntag den Gottesdienst und saß dort in trübsinnigerZerknirschung, ohne aufzublicken. Man wunderte sich im Dorfe allgemein über die selt-same Veränderung des Webers und stellte allerlei Vermuthungen auf, aber sein Freund,der Maurer , erfand darüber die lustigsten Schwanke, um die Gedanken von etwaigerrichtiger Fährte abzulenken. Bald sagte er:Ein Glas Schnaps ist ihm in die unrechteKehle gekommen," bald:Er simulirt, wie er das große Loos gewinnen kann," dannwieder:Er thut so fromm, damit sein Weib auf die alten Tage, wie Sarah, noch

einen Jungen kriegt," ein unmäßiges Gelächter folgte stets auf diese Erklärungen, und

damit war man für lange Zeit beruhigt.

Je einsilbiger und melancholischer der Weber wurde, je öfter erhielt er von demMaurer und dessen Vetter Besuch.Aus alter-Freundschaft," meinte der Maurer; werjedoch die Drei hätte zusammensitzcn sehen, würde schwerlich auf ein freundschaftlichesVerhältniß derselben haben schließen können. Der Weber blickte meist schwcrmüthig vorsich hin und blieb allen Ermahnungen seiner Freunde unzugänglich.

Du bist ein Narr," wiederholte gewöhnlich der Maurer,anstatt Gott zu danken,daß es sich so hübsch getroffen, lamentirst und winselst Du wie ein altes Weib!"

Wie kannst Du von Gott danken reden, das ist Frevel o, wenn ich an dendort oben denke, der mit uns einst schrecklich in's Gericht gehen wird, dann schaudert mir."

Bist Du auch noch so dumm? Wenn die uns hier unten nur nicht kriegen, nimmDich in Acht, daß Du uns nicht noch Angelegenheiten verursachst."

Der Weber suchte dann solchen Drohungen gegenüber sich zusammenzuraffen undseinen Gemüthszustand zu verbergen, er folgte sogar der Aufforderung seiner Freundeund ging mit in's Wirthshaus, lachte und lärmte beim ersten Glase überlustig, als wolleer Alles vergessen, und doch blickte gerade durch diese Lustigkeit die bitterste Verzweiflunghindurch.

Als aber vollends die Nachricht von Georg's Geständniß und seiner demnächstigenDerurthcilung in's Dorf drang, stieg der Trübsinn des äöebcrs auf den höchsten Grad.Die Stimme des Gewissens schien dennoch nicht laut genug, alle anderen Bedenken zuübertönen. Da, einige Tage nach der Verurteilung Georg's, kam Rose zu dem Webergelaufen und traf ihn allein. DA Seelenkämpfe des Letzteren waren ihr nicht entgangen