jVro. 5.
31. Januar 1869.
Augsbueger
Eine schöne Menschenseele findenIst Gewinn; ein schönerer Gewinn.
Sie erhalten, und der schönste und schwerste,
Sie, die schon verloren war, zn retten. Herder.
Gerächt und gerichtet.
(Fortsetzung.)
Der Weber fuhr erschrocken auf, die Sonne schien wirklich klar und hell durch dasFenster und streifte blendend Beider Augen; er machte sich sanft von der Kleinen los, diebittend seinen Hals umschlungen, setzte sich auf einen Stuhl und versank in sein altesBrüten. Die Kleine schlich, ganz gegen ihre Art, geräuschlos hinaus. So saß er langeund gewahrte nicht, wie die Sonne im Untergehen war und ihre letzten Strahlen dasganze Zimmer wunderbar vergoldeten. Sein Entschluß war endlich gefaßt: „Es mußein Ende gemacht werden;" er stand auf und ging mit hastigen Schritten in der Stubeauf und ab, schon wollte er sich entfernen, da traten seine Freunde herein; sie gewahrtenauf den ersten Blick seine Stimmung, noch einmal kam es zum heftigsten Streit, abergerade dadurch fühlte sich der Weber in seiner Absicht bestärkt und gab sie nicht undeutlichzu verstehen. Der Maurer und sein Vetter waren außer sich vor Wuth, sie ballten dieFäuste und drangen drohend auf den Weber ein, der davon eingeschüchtert schien, endlichzu schweigen versprach. Sie schieden in der Dämmerung, „versöhnt und in alter Freund-schaft;" aber um die Lippen des Maurers spielte ein dämonisches Lächeln, und er mur-melte beim Hinausgehen vor sich hin: „Du wirst schon schweigen lernen."
Die Frau des Webers gewahrte wenig von diesen stürmischen Zusammenkünften,sie war, wie erwähnt, Hebamme und deßhalb oft außer dem Hause. Auch heute kam sieerst, nachdem die Freunde schon fort, zurück, und fand ihren Mann niedergeschlagener,als je. Er rang die Hände und heiße Thränen rollten über die gebräunte Wange; aberdie freundlichsten Bitten seiner Frau vermochten kein aufklärend Wort von ihm zu er-pressen; nur von Zeit zu Zeit murmelte er: „Nein, ich muß doch ein Ende machen!O, diese schlaflosen Nächte! Wie will ich glücklich sein, wenn ich eine einzige Nachtwerde ruhig schlafen können."
„Du bist krank," bemerkte dann seine Frau, „Dich friert, ich werde Dir eine TasseFliederthee kochen, das wird Dir gut thun."
„Nein, Marie-Liese, den Thee, der mir gut thut, muß ich mir selbst kochen," ent-gegnete der Weber und versank wieder in sein dumpfes Hinbrüten.
Die Frau warf sich müde und erschöpft auf ihr Lager, sie konnte dcmnngeachtetnicht schlafen und versank nur in eine Art Halbschlummer. Schreckliche, unheimlicheBilder gaukelten vor ihrer Seele, bald sah sie ihren Mann im Gefängniß mit schwerenKetten belastet, dann auf dem Schaffst, bald von finsteren Menschen umgeben, die ihmmit der blanken Axt drohten, endlich war sie fest eingeschlafen. Da klopfte es an demFensterladen, sie sprang erschrocken auf und rief um Hilfe: „Rettet ihn, sie wollen ihntodtschlagen!" wiederholte sie im Taumel des Schlafes. Ihr Mann saß noch ruhig aufder Bank am Tische und fragte: „Was hast Du denn? es klopft, man will Dich holen."