Ausgabe 
29 (31.1.1869) 5
 
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Die Frau kam bei der Stimme ihres Mannes zur Besinnung; aber noch immer scheuund furchtsam, öffnete sie nur das Fenster und fragte hinaus:Was gibt es denn so *

spät noch?"

Einen Gruß von der Scholzin in Neudorf, und Ihr möchtet kommen," ließ sichdraußen eine tiefe Männerstimme Vernehmen;sputet Euch, es hat Eile."

So zeitig?" fragte die Weberin zurück, die jetzt ganz wieder in ihrem Berufewar,das ist ja nicht möglich!"

Doch, 's ist eine Frühgeburt, na, mährt nur nicht lange und kommt!"

Gleich," sagte sie und schloß das Fenster.

Christian, denke Dir, die Scholzin!" wandte sich die Frau an den Weber,sieist sonst immer glücklich gewesen, solch' hübsche, gesunde Kinder, und jetzt eineFrühgeburt!"

Lieber zu früh auf die Welt kommen, als gar nicht," cntgegnete dieser mit einemAnflug alten Humors, da ihm die ganze Nachtscene komisch vorgekommen und ihn etwaszerstreut und erheitert.

Beides schlimm," bemerkte die Hebamme,die arme Frau," und sie kleidete sichrasch und völlig an und packte ihre Sachen zusammen.Lege Dich schlafen, Christian,"sagte sie zu ihrem Manne beim Abschiede und wollte sich, wie immer, mit einem kurze»

leb' gesund" entfernen. Plötzlich überwältigte sie eine andere Stimmung, sie kehrte ander Thür noch einmal um, und siel ihrem Manne unter perlenden Thränen um denHals. Es war ihr seltsam und räthselhaft, denn anf dem Lande gelten solche Licbcs-bezeigungen für lächerlich; aber sie konnte doch nicht anders. Auch ihr Mann, stattdavon unangenehm berührt zu sein, schloß sie fest in seine Arme und lehnte auf einenAugenblick seinen heißen Kopf an ihre Brust.Leb' wohl, Christian, Gott schütze Dich!"und schweren Herzens schritt sie über die Schwelle. Sie eilte, ohne sich weiter über ihre

wunderbaren Gefühle Gedanken zu machen, ihrem Ziele zu, und hatte bei ihrem raschen

Gange die Schölzcrei erreicht. Sie klopfte an der Pforte und die Erste, die ihr in dem

Hause entgegentrat, war die Scholzenfrau selbst. Die Weberin vermochte vor Schreck

und Bestürzung kein Wort hervorzubringen, nur die Scholzenfrau rief sogleich verwundert:

Ei der Tausend, wo kommen Sie denn her?"

Ich bin zu Ihnen bestellt worden, Frau Scholzin," cntgegnete die Andere.

Zu mir? Gott bewahre! Sie wissen ja, damit hat's noch Zeit."

Der Bote sagte, es wäre eine Frühgeburt."

O, die schlechten Menschen!" rief die Frau ärgerlich,solch' einen dummenSpaß! Aber kommen Sie nur herein, ich will Ihnen gleich einen Kaffee kochen lasten;es ist nur gut, daß wir vor einer Stunde noch Besuch bekommen haben, sonst wärenwir Alle schon zu Bett nun, kommen Sie nur herein."

Nein, Frau Scholzin, ich will rasch wieder nach Hause," eutgcgnete die Letztereängstlich,das ist mehr wie ein dummer Spaß, o Gott, meine Ahnung! meine Träume!"

Und ohne auf die Einladung der Scholzenfrau weiter zu hören, stürzte sie fort.

Die schlechten Menschen! Das will ich meinem Manne sagen," murmelte dieScholzenfrau und schloß wieder die Pforte.

Die Weberin eilte, so rasch sie ihre Füße tragen konnten, nach Hause. Die Ahnung,daß hinter dieser falschen Bestellung ein Schurkenstreich lauere, daß ihrem Mann eineschreckliche Gefahr drohe, jagte sie wie auf Sturmesflügeln fort. Endlich, nach einerqualvollen Viertelstunde, die ihr eine Ewigkeit gedünkt, war sie athcmlos an ihrem Hauseangekommen: sie wollte die Stubenthür öffnen, diese war von innen verschlossen. Eineentsetzliche Angst überkam die arme Frau, sie rüttelte wie eine Verzweifelte an der Thür,die endlich ihrer verdoppelten Kraftanstrengung nachgab und aufsprang. Sie stürzte indas Zimmer,Christan, Christan!" rief sie mit angsterfüllter Stimme. Ein mattes,dumpfes Röcheln war die einzige Antwyxt.Mit zitternden Händen machte sie Licht