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Die Glocke des alten Münsters verkündete die neue Stnnde, zwölf Uhr; und wiedergeht die Thüre des Gastzimmers auf, und herein tritt mit schwerem Schritt kein schwarzGeborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener amhintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gast-wirth und seinen Gast zuschritt mit den Worteü: „Heret Sie, Ihr Herre, es isch zwölfUhr und die Polizeischtund vorüber." Der Gastwirth darüber entsetzt, weil sein so sehrverehrter Gast gestört wird, erwiedert in ruhigem, aber ernsthaftem Tone: „Heret jetzt,Sie, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i bin der Wirth, mikennet Sie, und daß der Bedeute dau hinta koi Ulmer ischt, des wcrct Sie eam wohlanseha." Und die Polizei ging beruhigt von bannen. (Fl. Bl.)
Miseellen.
(Englische Sonderbarkeiten.) Zwei junge Engländer aus den höherenKreisen der Gesellschaft brachten einige Tage zunr Besuch bei Lord Panmure auf SchloßBrcchin zu. Um seinen Gästen eine Zerstreuung zu verschaffen, lud Lord Panmure einenGutsnachbar, Mr. Panlathie, zum Diner, mit dem besonderen Zusätze, sich wohl mitGeld zu versehen. Dieser, der die Laune des Lords kannte und selbst ein Freundexzentrischer Streiche war, begriff sofort, daß es sich um ein Abenteuer besonderer Arthandle, und erschien zur bestimmten Stunde wohlgcrüstct und entschlossen, jedem Streichemit kaltem Blute zu begegnen. Das Diner begann. Nach dem ersten Toaste nahmLord Panmure das Wort und rief: Alle Hüte in's Feuer oder 200 Franks Reugeld.Die vier Hüte flogen in den Kamin. Nach der zweiten Gesundheit erhob sich einer derGäste: Alle Röcke in die Flammen oder 1000 Franks Strafe! und die Oberröcke dervier Zecher wanderten denselben Weg. Die Stiefel in den Kamin! rief der Nächste, oder5000 Franks gezahlt! Auch die'Stiefel wurden geopfert. Jetzt war die Reihe anPanlathie. Ohne sich zu besinnen, erhebt er sich, sieht seine Kumpane der Reihe nach anund ruft: Die Zähne in den Kamin oder 10,000 Franks auf den Tisch! Dabei nimmter sein falsches Gebiß und wirft es in die Flammen. Die Anderen waren einigermaßenerstaunt, einmal darüber, daß Herr Panlathie, der sie eben noch so graziös angelächelt,falsche Zähne hatte, und dann, daß sie ihm das Künstlcrstück nicht nachmachen konnten.Mr. Panlathie aber strich ruhig die 30,000 Franks ei», bedankte sich bei Lord Panmurefür das vortreffliche Diner und bestellte sich am nächsten Tage ein neues Gebiß.
(Recht liebenswürdig.) Auf der Capitänsbrncke eines Dampfers, der vonCalais nach Dover fuhr,, stand ein Engländer und rauchte phlegmatisch seine Cigarre.Da trat ein liebenswürdiger Franzose, den er öfters in Trouville gesehen und nnt demer einige Worte gewechselt hatte, an den Engländer heran und nach einem „Freut mich,Sie zu sehen," entspann sich unter Beiden folgendes Gespräch: „Ich will nach Brighton ."— „Und ich nach London ." — „Denken Sie dort die Saison zu verleben?" — „Das
kommt auf die Umstände an. Sie wissen, das Geschäft-" „Ach, Sie reisen nicht
zum Vergnügen?" — „Nein, ich bringe einen jungen Engländer zu seiner Familiezurück." — „Sind Sie vielleicht sein Lehrer?" — „Nein." — „Ich sehe doch Ihren
jungen Freund nicht." — „Er ist unten." — „So bitten Sie ihn, daß er mit uns
dinirc." — „Das ist nicht möglich; er ist todt." — „Todt?" — „Er liegt in einemBleisarge. Mein Geschäft ist nämlich, die Leichen nobler Personen, die in Frankreich sterben, zu transportiren und ihren Familien zurückzubringen. DicS Geschäft geht
prächtig, und wenn Sie einmal meiner Dienste bedürfen sollten, mein Herr, so-."
Der Engländer hustete, dankte seinem höflichen Reisegefährten und begab sich, indem erSeekrankheit vorschützte, eiligst in seine Cajüte, aus welcher er nicht eher wieder hervor-kam, bis der Dampfer in Dover landete.