* (Die schönen Haare der englischen Frauen.) Der Fremde, derZUM ersten Male nach England kommt, ist zuweilen entzückt von dem Prächtigen blondenHaar der englischen Frauen und Mädchen, das in allen Nuancen vom zartesten Flachs-gelb bis zur schimmernden Goldfarbe zu finden ist. Wenn auch die Töchter Albion'ssich rühmen können, das schönste Haar zu besitzen, so ist doch nicht alles Gold wasglänzt. Das prachtvolle „goldene Haar" der Ladies und Mistes ist in den meistenFällen eine Erfindung der Mode, wie etwa das Chignon oder eine neue Hutfacon. Dasdas Männerauge so oft in Entzücken versetzende goldene blonde Haar kann durch zweiverschiedene chemische Prozesse erzeugt werden. Als die Manie für „goldene Locken"aufkam, begnügte man sich damit, die natürliche Haarfarbe durch beständige Waschungenmit einer alkalinischen Auflösung, wie z. B. salpctersaures Kali zu entfernen; das Haarwurde dann geölt und durch fortgesetztes Bürsten in einen hellen und glänzenden Zustandversetzt. Diese einfache und unschädliche Methode erzielte aber nicht immer das gewünschteResultat, und man nahm seine Zuflucht zu metallischen Präparaten. Salpctersaures Bleimit einer Beize von chromsaurcm Kali; Eisen mit einer Beize von salpetersaurem Natronoder Kalk; Arsenik, Salmiak und andere ähnliche Substanzen wurden mit größerem odergeringerem Erfolge angewendet. Als bestes Mittel, das vielbewunderte goldgelbe Haarzu erzeugen, empfahl sich schließlich Arsenik mit einer Salmiakbeize. Außer allem Zweifelsteht es, daß die Anwendung dieser giftigen chemischen Präparate von äußerst nachthei-ligen Folgen für das Haar begleitet ist, denn die ätzenden Säuren hemmen das Wachs-thum des Haares, oder mit anderen Worten, sie tödten es. Goldbraunes Haar wirddurch Anwendung von Kupfervitriol mit ferrv-kyanischer Pottasche hergestellt.
(Standhaftigkeit der Ameise.) Der berühmte Eroberer Timur, derTartar, war einmal gezwungen, in der Ruine eines Hauses Schutz vor seinen Feindenzu suchen. Er saß dort mehrere Stunden ganz allein. Nach einiger Zeit wünschte erseinen Geist von seiner hoffnungslosen Lage abzuziehen, und deßhalb richtete er seineAufmerksamkeit auf eine Ameise, welche versuchte, ein Fruchtkorn, das größer war als sieselbst, an einer Mauer hinaufzutragen; ihre Anstrengungen schienen jedoch erfolglos. —Sie machte aber immer wieder einen neuen Versuch und so oft derselbe auch mißglückte,so verlor sie den Muth doch nicht, sondern sie kehrte immer wieder an ihr Geschäftzurück. Timur sah das Korn 69 Mal herabfallen, aber beim 70stcn Mal erreichte diesemit ihrem Korn den Gipfel der Mauer und dieser Anblick, sagt der Eroberer, der ebennoch voller Verzweiflung gewesen war, „gab mir in diesem Augenblick Muth und ichhabe die Lektion, die ich daraus zog, nie vergessen." — Anwendung: Auch wir solltensie nicht vergessen. Zuerst müssen wir eine Sache genau betrachten, ob sie werth ist, daßwir darnach streben, und wenn das der Fall ist und der Versuch, sie zu erlangen, gelingtuns nicht, so müssen wir ihn immer von Neuem wiederholen und beharren, bis er nnsgelungen ist. Wenn eine Ameise sich durch 69 mißlungene Versuche nicht entmuthigenließ, weßhalb sollte dann ein Mensch nicht eben so beharrlich sein?
W i ii t c r t r a n i».
Des Schnees weißes Bahrtuch decket Frisch keimt die Saat, bis Gottes Odem
Die keusche Mutter Erde zu, Wird leis' des Schnees Decke schmelzen,
Indeß von jungen muntern Saaten Wie einst ein Gottessturm gewaltig
Sie träumt in stiller Grabesruh'. Die Steine wird von Gräbern wälzen.
(Was ist ein Schauspielers) Antwort: Ein Mensch, der bloß lebt, um zugefallen, und gefallen muß, um zu leben.
Druck, Vcrlog und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttler.