Ausgabe 
29 (7.2.1869) 6
 
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Rro. 6.

7. Februar 1869.

»P!

Fliehe dcu verdächtigen Umgang von zweierlei Menschen:

Der Freunde deiner Feinde,Der Feinde deiner Freunde!

Gerächt und gerichtet.

(Fortsetzung.)

Der Justizrath, der am Tage vorher wegen Unwohlsein das Bett gehütet hatte,und deßhalb von den Ereignissen nicht das Mindeste erfahren, wollte nicht seinen altenAugen trauen, als ihm der Assessor mit triumphircndem Lächeln die Cabincts - Ordreüberreichte.Dummes Zeug! Spiegelfechterei!'' polterte der Alte los.

Mäßigen Sie sich, Herr Rath, die Unterschrift des Landcsfürstcn ist niemalsdummes Zeug."

Aber frei lassen? Ohne allen Grund, lieber Assessor, das ist ja unerhört; derMordkerl muß auf's Schaffst."

Er ist unschuldig, Herr Rath! Meine gestern abgehaltene Untersuchung hat zugleichdie rechten Mörder des Müllers an'S Licht gebracht. Leider ist diesmal IhremScharfsinn nicht gelungen, den rechten Schuldigen herauszufinden."

Hm! so, so! nnd Sie haben mir von dem Ausfall der gestrigen Untersuchung nichteinmal berichtet, das ist ein Disziplinar-Vergehcn "

Die höchste Eile war nothwendig," entgegncte der Assessor und setzte, ruhig lächelnd,hinzu:und dann wollte ich Sie überraschen, Herr Rath." Der junge Beamte fühlteein eigenes Behagen, an dem alten, höchst unangenehmen Vorgesetzten sein Müthchenkühlen zu können.

Das ist stark!" rief der Alte nnd nahm, um sich zu beruhigen, eine Prise;ichwerde Ihre Versetzung beantragen."

Bemühen Sie sich nicht, es ist von mir bereits geschehen," entgegncte der Assessorglcichmüthig.

Nehmen Sie sich in Acht, guter Freund, Sie haben mich noch nicht bei Seit'geschoben; ich habe einflußreiche Freunde, Sie sollen mir das Spiel bezahlen; das hatnoch Keiner gewagt, sie fürchten mich Alle."

Ich nicht ich bin Staatsbeamter wie Sie und handle überall nach Pflicht undGewissen." Der Alte wollte auffahren, doch der junge Mann fiel ihm in'S Wort:Lassen wir den persönlichen Streit, Sie haben jetzt Besseres zu thun. Befolgen Sieaugenblicklich die Cabincts - Ordre und machen Sie Ihr schweres Unrecht in etwaswieder gut."

Ich selbst soll den Befehl zu seiner Freilassung geben? Mich so blos stellen?Nimmermehr! Sie,junger Lcsstng," Verehrer der Humanität, werfen Sie den Kerlhinaus!" rief der Juslizrath, wieder in seinen alten laxen Ton verfallend.

Das werde ich nicht, Sie allein sind dazu berechtigt und verpflichtet," entgcgnetcder Assessor ganz entschieden.

Teufel!" murmelte der Justizrath und versuchte mit den Zähnen zu knirschen.