42
»der seine mürben Zahnreste schmerzten ihn, er verzog das Gesicht zu einem häßliche« ,Grinsen.
„Augenblicklich, steht in der Ordre," begann der junge Mann wieder seine Quä-lereien; „ich mache Sie dafür verantwortlich."
Der Justizrath Preßte einen unverständlichen Fluch heraus und zog die Klingel. —Der große starke Exekutor erschien.
„Werft den Kerl hinaus!" polterte der Alte. Der Exekutor blickte verlegen aufden Assessor, dann auf den Justizrath und wollte seinen Ohren nicht trauen — er sah sblos Einen im Zimmer, an dem er einen solchen Auftrag vollziehen konnte und — X>e>Assessor hinauszuwerfen — — zu einer solchen Handlung mußte er schon einen nochmaligen Befehl erwarten.
„Werft den Hund hinaus, sag' ich," wiederholte der Alte, und ging nach seinerGewohnheit heftig gcstikulirend auf und ab, sich wenig darum bekümmernd, daß der armeMann nicht sofort errathen konnte, wen er eigentlich hinauszuwerfen habe und in einearge Verlegenheit kommen mußte. Der starke, ernste Exekutor machte bei dieser zweitenenergischen Aufforderung einen Schritt vor gegen den Assessor, der aber, das Mißver-ständnis sofort bemerkend, dem rathloscn Manne auf die Schulter klopfte und lachendsagte: „Nicht mich, mein Guter, den Georg sollt Ihr loslassen."
„Nun, was steht Er denn noch? Ist Er taub?" brach jetzt der Justizrath los,der stets gewohnt war, all' seinen Groll an seinen Untergebenen auszuwittern.
„Herr Rath," drängte sich der Assessor dazwischen, „Sie haben dem Manne nichtgesagt, wen er hinauswerfen soll, er hätte Sie bald mißverstanden."
Der Justizrath verzog, trotz seiner Wuth, das Gesicht zu einem Lächeln, denn beiall' seiner Verbissenheit, war er doch nicht ohne Humor. „Er Klotz! kann Er sich das knicht denken? Den Georg mein' ich, werft ihn augenblicklich hinaus!"
„Nicht hinauswerfen, sondern freilassen, ganz anständig und in Ehren!"
„Gewiß, gewiß!" entgcgnetc der Justizrath höhnisch, „Schmidt versteht mich schon." §Der aber schien ihn nicht zu verstehen, sondern blickte wie versteinert auf seine beidenVorgesetzten.
„Den Georg! — der morgen hingerichtet werden soll?" rief er endlich verwundert, i
„Den laßt Ihr augenblicklich frei, nach der eben bei mir Angetroffenen Cabincts-Ordre," entgegnete der junge Mann in befehlendem Tone.
Der Exekutor blickte seinen alten Herrn an, um von dem schließlich einen Wider- 'spruch zu hören, es war ja doch zu unerhört und noch nie vorgekommen — einen Mörder 'freilassen — einen Tag vor der Hinrichtung!
Der Justizrath aber gab keine Antwort, heftete nur die Augen auf den Boden undnahm eine Prise. Schmidt kannte seinen Herrn; er verließ, obwohl noch kopfschüttelnd, 'das Zimmer und vollzog den Befehl.
V.
Die arme Marianne saß bleich und abgehärmt bei ihrer Näharbeit. Sie lebtenoch immer in völliger Abgeschlossenheit von der Welt bei ihrer Freundin; so war ihrdenn bis jetzt das Schuldbekenntniß Georgs und seine spätere Verurtheilung völlig unbe-kannt geblieben. Die Nähterin hatte furchtsam die Mittheilung dieser vernichtenden Nach- >richt von Tag zu Tag verschoben, heut' endlich mußte sie sich ein Herz fasten, denn .morgen schon sollte der Tag der Hinrichtung sein und dann war Mariannen nichts mehr :zu verheimlichen. Sie blickte mitleidig auf das arme Mädchen, das sie einst um ihr >Glück beneidet hatte. s
Welch' qualvolle, elende Tage hatte Marianne erlebt; sie war hinausgestoßen ausdem elterlichen Hause und Georg schmachtete noch immer, trotz ihres Opfers, im Ge-fängnisse. Wie war das Alles möglich gewesen! Sie konnte es oft nicht fasten, stützteden heißen Kopf in die magere Hand und versank in dumpfes Hinbrnten. Plötzlich er« ^