Ausgabe 
29 (7.2.1869) 6
 
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«achte sie wieder, sie besann sich, daß sie arbeiten, nähen müsse, um ihr kümmerliche»Brod zu erwerben, und die Nadel fuhr mechanisch durch die Leinwand.

Du nähst ja ohne Faden," bemerkte Bertha, die ihr gegenüber saß und oft mit-leidig ihre Blicke nach der Unglücklichen hinübersandtc.

Marianne schrack auf, sie gewahrte jetzt erst ihre Zerstreuung;wirklich," sagte sie,Du hast recht," und sie suchte in das Lachen der Freundin einzustimmen, aber eS ge-lang ihr nicht, der Versuch schlug in sein Gegentheil um und bald stürzten helle Thränenaus ihren Augen.

Du grämst Dich zu sehr, das taugt nichts," tröstete die Nähtcrin,so gern ichDich hier hab'. Du solltest wieder hinaus auf's Land, das Nähen bekommt Dir nicht,wie siehst Du schmalbäckig aus."

Das ist's eben, dort bei der harten Arbeit vergehen Einem die Gedanken, ichmöcht' hinaus, aber jetzt Du weißt, wie es bei uns auf dem Lande ist, sie habe«keine Barmherzigkeit mit dem Unglück, ich müßt vergehen vor Schimpf und Spott."

Dann solltest Du wenigstens hier mehr unter Leute kommen, das würde Dichzerstreuen; das ewige Stubensitzcn taugt nichts."

Laß mich nur, ich mag Niemand mehr sehen und sprechen. Könnt' ich mit meinemganzen Jammer in die Erde versinken, wär's nur keine Sünde."

Marianne! Sünde ist's gewiß, denk' nicht so schlecht," eiferte die Nähterin,glaub' mir, Georg hat's nicht verdient, daß Du ihm zu Liebe so viel gethan."

So viel gethan? Hab' ich ihn retten können? O, die Nichtswürdigen, die mirnicht geglaubt und die ihn unschuldig martern und quälen, bis er sterben wird."

Er ist nicht unschuldig, Marianne, mein Bräutigam hat mir's hoch und theuerversichert, Du solltest nur lesen die Akten"

O, in die schwarzen Papiere schreiben sie nichts als Lügen."

Bitte, Marianne, das ist mir nicht lieb, mein Bräutigam führt die Protokollennd der"

Soll ich Dir sagen, wer den Mord begangen: die Müllerwittwe, sie gönnte nichtdem Sriefsohn die Mühle, sie hat den Verdacht zuerst auf den armen Georg gebracht,sie ist es selbst."

Ich bitte Dich, solchen Verdacht, sage das Niemand, das ist ja ganz verrückt."

Ich will es aller Welt sagen, wenn man mich zur Verzweiflung treibt, daß siean dem Morde schuldig; der Gedanke ist mir zuerst in's Herz geschossen, ich kann ih«nicht mehr los werden."

Du mußt, Marianne; denn es ist doch wahr, Niemand anders ist der Mörder,als Georg." Marianne schwieg. Wer tief und fest von der Wahrheit seiner Sacheüberzeugt, der vermag nicht fremden Irrthum zu bekämpfen.

Gewiß ist es wahr!" wiederholte die Nähtcrin lebhaft, die durch das zuversichtlicheSchweigen Mariannens zu rascherer Mittheilung fortgerissen wurde,er hat jetzt selbstden Mord bekannt."

Das ist nicht möglich!" rief Marianne und sprang so heftig auf, daß ihre Näh-arbeit zur Erde siel,das ist eine Lüge."

Marianne, mein Bräutigam ist vereideter Protokollführer, er wird nicht lügen;doch frag' die ganze Stadt, er hat endlich gestanden und " sie hielt erschrocken inne,als sie sah, welche Wirkung ihre Worte auf das arme Mädchen hervorbrachten.Marianne versuchte zu sprechen, ihr Athem stockte, das ohnehin bleiche Antlitz bedeckteeine Todtcnblässe und mit einem wilden Schmcrzschrci sank sie zu Boden.

Ihre Freundin war sogleich liebevoll um sie beschäftigt, sie strich ihr die Schläfemit Wasser, holte ihr theures Lau ckg LoIoßNö herbei, das alte, echte, wie ihr Bräu-tigam versichert, und sucktc damit Marianne zur Besinnung zu bringen. Als die Letzterewieder die Augen aufschlug, begann sie dieselbe zu trösten:Beruhige Dich nur, er