Ausgabe 
29 (21.2.1869) 8
 
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ssro. 8

21. Februar 1869

Atlgsbnrger

Glücklich ist der, dessen äußere Lage mit seinem Temperament harmonirt, aber einganzer Mann, der selbst sein Temperament nach seiner Lage zu regeln versteht.

Gerächt und gerichtet.

(Schluß)

Wirklich gab wenige Tage darauf der Justizrath ein glänzendes Souper, dieHonoratioren der Stadt waren geladen und selbst Diejenigen, die sich noch so entrüstetüber den Justizrath ausgelassen, die von Untersuchung und Cassation gesprochen und niewieder mit dem herzlosen Manne Gemeinschaft haben wollten, sie kamen doch, die edlenSeelen, und Alle hatten dafür ihre Gründe. Die Einen wollten nicht augenblicklichbrechen, die Anderen doch sehen, wie sich der alte Fuchs benehmen würde, die Dritten,um ihm das Gift des Mitleids in das Herz zu träufeln; aber wohl Alle gelockt vonder angekündigten Güte und Trefflichkeit des Soupers, und wirklich ließ es, wie dasganze Arrangement, nichts zu wünschen übrig, und um seinen Gästen etwas Besondereszu bieten, hatte es der Justizrath in seinen großen Garten verlegt, der jetzt von vielenLampen und Lichtern erhellt, einen ungcmein belebten und reizenden Anblick bot. EinSouper im Freien, in einer solch' weichen warmen Sommernacht, das war etwas Neuesin der kleinen Stadt und stimmte bald zu Lust und Scherzen. Es wurde fleißig gespeistund gebechert und Mancher, der doch beim Eintritt eine gewisse Kühle und Entfremdunghalte vorwalten lassen, wurde wieder gefügiger und hißte die alte Freundschaftsflagge auf.Der Justizrath merkte die von seinen Weinen erzeugte glückliche Stimmung, und brachteselbst mit einem kühnen Anlauf das Gespräch auf das bisher sorgfältig vermiedeneErcigniß des Tages.Ja, Freunde! stoßt an auf mein Wohl," sagte er spottend,ichmuß mir schon meine Augen in Wein baden, denn diese uichtswürdige Untersuchung batsie mir doch etwas getrübt," und er rieb sich mit dem rothseidencn Taschentuch über daserhitzte Satyrgcsicht.

Wir haben Sie sehr bedauert," begann der stets wie ein Gummiball beweglich hin-und herhüpfcnde einzige Apotheker der guten Stadt.Was hat man für Allarm ge-schlagen, als wären Sie ein wahrer Vampyr, Sie sind doch unser alter, witziger Rath."

Dessen Weine stets vortrefflich, wenn er nur einmal die hintersten Reihen lichtet die alten Garden!" bemerkte ein schon grau gewordener Doktor, der trotz seinerJahre noch etwas Burschikoses zur Schau trug.

Ja, der Kerl hat mich was geärgert; ich armer, alter Mann hätte des Todes seinkönnen, er mußte gehängt werden, schon weil er auf mich einen Mordaufall begangen."

Ein eigenthümliches Geräusch, wie das Zerbrechen eines Astes, folgte dieser über-müthigen Rede und weckte die Aufmerksamkeit der lustigen Gesellschaft.

Was war das?" rief der Apotheker, und sprang erschrocken von seinem Stuhle.

Bleiben Sie ruhig sitzen, alter Freund, der Wind hat einen Ast heruntergeschüttelt,"bemerkte der Justizrath.

Gott bewahre, es regt sich ja kein Lüftchen," warfen Mehrere ein.

Alte Aestc, die endlich brechen," beruhigte der Justizrath,'s wird uns aucheinmal so gehen," setzte er mit einem Auslug weinseligcr Melancholie hinzu.