Ausgabe 
29 (21.2.1869) 8
 
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Nein, »ein, das ist etwas Anderes, sehen wir nach!" rief auch der Doktor undwollte fort.

Ach, vom süßen Weine fortlaufen, Doklor! Dieses Kriminal-Verbrechens hätteich Sie nicht fähig gehalten," und damit hielt ihn der Justizrath zurück.

Aber, Justizrath, mir ahnt nichts Gutes," bemerkte der Apotheker,wenn nurdieser nichtswürdigc Kerl, der Georg heißt er nicht so?"

Pah, den hab' ich mürbe gemacht, den Hund, der wagt nicht mehr zu beißen;

nein, nein, beruhigt Euch, Freunde, es sind nur alte Aeste, die brechen." Da

plötzlich knallte ein Schuß durch die Stille des Gartens, und hallte an den Mauerngespenstisch wieder. Alles sprang entsetzt von den Stühlen und umringte den Justizrath,der mit dem Ausruf:Mein Gott !" zusammengebrochen und aus dessen Brust einBlutstrom hervorquoll. Hier in der Stille des Gartens, beim vollen Becher und untergrünen Bäumen hatte die ganze Scene etwas Schauerliches.

Ein Streifschuß," bemerkte der Doktor in seiner gewohnten Ruhe; der lebhafteApotheker aber rief sogleich:Er ist todt, das ist der Georg, der ihn erschossen."

Ja, ich, ich habe ihn gctödtct!" rief jetzt Plötzlich eine Stimme, und in wilderAufregung, die Büchse noch krampfhaft in der Hand haltend, stürzte Georg herbei, daßdie Umstehenden von seiner wilden Erscheinung erschreckt, ihm scheu und bestürzt Platzmachten. Der wie von Furien gepeitschte Mensch beugte sich zum Justizrath hinab undrief ihm in schneidendem Tone zu:Erkennst Du mich ? Du hast mich gehetzt undgetrieben wie ein wildes Thier, bis ich keinen anderen Gedanken hatte, als mich zurächen nun bin ich frei-nun geh' ich mit Freuden in den Tod!" Der Justizrathöffnete die Augen und blickte in das wutverzerrte Antlitz Georg'S und mit diesemAnblick schien der alte Haß in ihm aufzuflamnicn und ihn von Neuem zu beleben.Mörder, auf's Rad mit Dir!" keuchte er hervor, er wollte sich erheben, aber imnächsten Augenblick sank er zurück, noch einmal leise vor sich hinmnrmelnd:Dürre Aeste."

Dürre Aeste," lachte Georg ihm dämonisch nach und brach ebenfalls zusammen.Er hatte ja die heiße Fiebergluth der Rache, die ihn rastlos gespornt und gestachelt, indem Blute seines grausamen Henkers gekühlt und damit war auch seine Kraft erschöpft,er ließ sich willenlos von den erst jetzt sich aus ihrer Bestürzung aufraffenden Gästenfestnehmen und verhaften. Als Georg in Fesseln wieder in das Gefängniß abgeführtwurde, das er erst vor einigen Tagen verlassen, stürzten Thränen aus seinen Augen.Bei seinem ersten Eingänge war er doch noch unschuldig, und wie man ihn gemartertund gequält, er hatte das Bewußtsein seiner Schuldlofigkeit und heut' da klebtewirklich Blut an seinen Händen, da war er in der That ein Mörder und ein düsteresVerhängniß hatte ihn zu dem gemacht, weßhalb er zuerst nur fälschlich angeklagt worden.Und jetzt, da er dem wilden Racheschrei seines gequälten Herzens Luft gemacht, kam auchdie Reue über seine fürchterliche That. Wie eine finstere Gewitterwolke hatte der Ge-danke der Rache über seiner Stirn geruht, sie mußte sich erst entladen, eh' er den Himmelwieder sehen konnte, nun war der dunkle Schleier zerrissen; wie aus der Tiefe seinerBrust erwachte die Stimme der Religion: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen.Barmherziger Gott und ich habe meinen Feind erschlagen!" Mit diesen Worten sanker fast ohnmächtig auf den Boden, daß seine Ketten aneinander klirrten und ihm in'sFleisch schnitten, aber er achtete dessen nicht; dieser körperliche Schmerz war nichts gegenden geistigen, der ihn verzehrte.

Der Doktor hatte Recht gehabt, es war nur ein Streifschuß gewesen und ein eigen-thümlicher Umstand hatte Georgs blutige That zum Theil vereitelt. Eben als er rache-jubelnd den Finger an den Drücker des Gewehres legte, war plötzlich eine Gestalt ander Mauer vor ihm aufgetaucht, die ihm erschrocken in die Arme fallen wollte. Eswar Rose, die seit einigen Monaten in der Stadt in Diensten, Georg nachgeschlichen