und leider zu spät kam, ihn völlig von einem Verbrechen abzuhalten. Den Justizrathhatte es aber wenigstens vom Tode, Georg von einer Blutschuld gerettet.
Der Justizrath wurde, da die Kugel keine edlen Theile verletzt, rascher hergestellt,als man es erwartet, und genas bis auf einige Athmungs-Beschwerden völlig. Georg'sSc.le wurde dadurch von namenloser Qual erlöst, er wollte nun ruhig sein Urtheil übersich ergehen lassen, hatte er doch keinen Mord auf dem Gewissen. Marianne aber, diedurch die entsetzliche That Georg'ö in die tiefste Verzweiflung gestürzt worden, wagteAlles, ihren Geliebten noch einmal aus der Haft zu erlösen; sie ging auf den Rath desProtokollführers zu dem jungen Assessor, der ihr bereitwilligst ein Gnadengesuch an denLandcsfürsten anfertigte und klar und geschickt darin hervorhob, wie der arme gequälteMensch durch das schonungslose Untersuchungs-Verfahren dahin gebracht worden, daszu werden, wozu man ihn mit aller Gewalt hatte machen wollen, und wie der persönlicheHaß des Kriminal-Richters den unglücklichen Ausgang der Untersuchung verschuldet. -Marianne, das sonst so schüchterne blöde Landkind, drang damit selbst zum Landes-fürsten, der ihr Gnadengesuch huldreichst aufnahm und ihren Anfangs leise gestammeltenWorten freundlich zuhörte. Bald wurde sie von dem Inhalt ihrer Worte selbst hinge-rissen und mit ganzer Wärme erzählte sie von Georg's Qualen, wie er ja nicht andersgekonnt, als sich Luft zu machen nach einem solch' empörenden Druck, wie er düster undschwermüthig gewesen und dem Elenden diese entsetzlichen Qualen habe heimzahlenmüssen und es ohnehin so schrecklich sei, unschuldig angeklagt zu werden, geschweige dennunschuldig vor einem solchen Richter zu stehen.
Der Landesfürst war erschüttert, „welch'eine Tragödie!" rief er bewegt, „der Menschist unschuldig auch an dem zweiten Morde; laßt ihn frei, er ist begnadigt!"
Marianne sank sprachlos zur Erde, sie wollte die Knie des milden Fürsten um-fassen, er war schon in der nächsten Thür verschwunden. Laut schluchzend vor Freudeund Rührung eilte sie davon. Noch ehe Marianne in die Heimath zurückgekehrt, wardie Begnadigung Georgs angelangt. Zum zweiten Male frei! — Und jetzt ohne eineLast, ohne finstere schwarze Gedanken. Frei und weit hob sich seine Brust und wie einNeugeborner blickte er jetzt in das Leben. Seine Wange färbte sich wieder roth, seineAugen begannen von Neuem zu leuchten, die gebeugte Gestalt richtete sich wieder auf,nur das weiße Haar blieb ihm als Erinnerung an jene Tage.
Die Liebenden hatten sich wieder und noch eine große Freude sollte ihnen kommen,als wollte das Geschick nun alle geschlagenen Wunden heilen. Mariannens Vater warvon diesen Ereignissen doch zu tief erschüttert, um nicht noch lebhafter als damals denDrang zu fühlen, sich wieder mit seiner Tochter auszusöhnen. — Daß sie selbst beimLandesfürsten gewesen, ihn gesprochen, daß Marianne so viel „Courage" gehabt, schwelltedoch mit Stolz sein väterliches Herz; man sprach wieder gut von ihr im Dorfe, Allestaunten über ihre That, bedauerten den armen Georg, der so unschuldig gelitten undunschuldig gewesen, wie sie sich's wohl gedacht, wenn auch nicht gesagt hatten. Wie hättesich der Alte versagen können, eine solche Tochter im Hause zu haben und einen solchenSchwiegersohn! Er kam selbst, Marianne heimzuholen, und hielt nicht wie damals aufdem ersten Flur an, sondern stieg festen Schrittes hinauf, und als sie gesagt: „Ichkomme nicht ohne Georg," dahatte er ruhig geantwortet, als verstehe sich das von selbst:„Georg soll übernehmen, ich werde doch alt und mürbe."
Das gab eine Freude und nach langen, langen Wintertageu zog Heller Sonnen-schein in ihre Herzen, die geprüft genug, um nicht auch im Glücke, was doch immer dasSchwerste, völlig glücklich sein zu können.
Der gutmüthige Protokollführer feierte die Hochzeit mit seinen Freunden zu gleicherZeit und er wurde wenige Monate darauf in einer andern Stadt als „Kreis-GcrichtS-Salarien-Kassen-Csntroleur" angestellt. Welch' ein Triumph für seine Frau, der dieserTitel außerordentlich gefiel und von ihrer Freundin Marianne nicht oft genug Briefe