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man von den Duroy'S absichtlich oder unabsichtlich wenig sprechen zu wollen, unl wagtezufällig Einer oder der Andere den Namen des Barons anzudeuten, so verschloß ihn einfinsterer Blick des Hausherrn oder seiner Nichte gar bald den Mund. Was der Grunddieser seltsamen Abneigung gegen einen Mann war, den die ganze Stadt wohl wollte,konnte Keiner ergründen, denn Fleischer war erst seit wenigen Jahren aus einer entferntenHauptstadt zu diesem ehrenvollen Posten berufen, und seit dieser Zeit hatte er sich stetsvon Duroy entfernt gehalten, und dieser hakte — ganz seiner Gewohnheit zuwider, eherseine Nähe vermieden, als eine Annäherung versucht.
Auch der Direktor ga't für einen reichen Mann, ganz besonders aber gab ihm dieLcrwaltung des fast eine Million betragenden Vermögens seiner Nichte Angelika Fleischerein Ansehen, die unvermählt seit langen Jahren elternlos in seinem Hause lebte und dieStelle der Hausfrau vertrat, denn ihr Oheim war nie verheirathct gewesen.
Angelika zählte volle sieben und dreißig Jahre, da unsere Erzählung beginnt. —Trotz ihres Vermögens war die Zahl der Bewerber um ihre Hand immer weniger ge-worden, denn das Gerücht hatte sich verbreitet, daß Angelika eine Männer - Feindin undjeder Gedanke an eine Ehe ihr verhaßt sei.
Allein dieß war nicht der Fall. Angelika Fleischer hatte ein zartbesaitetes Herz —„nd das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich als Lebensgefährten darstellte, schwebteseit ihrer Jugendzeit vor ihren Augen. Allein in ihren phantastischen Träumereien, frühsich selber und ihrem angeborenen Hange des in sich Vcrsnnkenseins überlassen, hatte sieüber ihren Idealen die Wirklichkeit vergessen.
So war sie älter geworden, und wenn auch ihre äußere Erscheinung die Zahl ihrerJahre Lügen strafte, wenn auch der Blick des blauen sentimentalen Auges, der lieblicheZug des zart geformten Mundes noch immer anziehend genug erschien, so war sie selberdoch keineswegs mit ihrem Alter zurückhaltend, und nannte sich selber oftmals eine„alte Jungfer/'
Jndcffcn seit einiger Zeit schien ein anderer Geist über sie gekommen zu sein. Imletzten Winter halte man sie öfters im Theater und auf größeren Festen gesehen, die siesonst gemieden, was ihrem Oheim stets ein Murren entlockte, da er gezwungen war, siezu begleiten, und gewöhnlich an diesem Orte mit den Duroy'S zusammentraf, natürlichohne daß die alten Herren nur ein Wort der Höflichkeit mit einander wechselten.
Dagegen konnte es nicht vermieden werden, daß der junge Baron Nudolph mitAngelika in nähere Berührung kam, und nach solchen Ereignissen war er Tage langfinsterer und verschlossener, als es jemals der Fall war.
Die letzten Wagen des Festes rollten eben das Ende der Chaussee daher, wo etwasvon der Landstraße entfernt, sich das einstöckige Haus des Gerichts - Direktors hart anden Stadtthoren befand.
Es war sünf Uhr Morgens, die Sonne hatte ihr glänzendes Strahlcnkleid ange-legt, und ergoß Licht und Wärme von ihrem hohen Throne. Die Blumen, durch denMorgcnthan erquickt und erfrischt, sogen mit Ungestüm die warmen verzehrenden Strahlenin ihre Kelche, und tausend Blüthen und Knospen brachen auf und dankten mit berau-schendem Dufte der Frcudenspendcrin, die sie in das Dasein gerufen hatte. Wald undFeld grünte und strahlte in bunten Farben und die Chöre befiederter Sänger stimmtenschmetternd ihren erhabenen Hymnus an, den beginnenden Tag zu begrüßen.
Auf dem schmalen Balkon des Fleischcr'schen Hauses erschien jetzt eine weiblicheGestalt in ein schlichtes, weißes Morgeugewand gekleidet, die dunkelbraunen Haare glattzu beiden Seiten des Gesichtes gekämmt und hinten in einen einfachen Knoten vereinigt.Es war Angelika. Ein Ausdruck sanfter Traurigkeit lag in dem Antlitz deö Mädchens,man sah ihr an, daß sie sich trotz ihres Reichthums nicht glücklich fühlte.
Zerstreut und mechanisch begoß sie die auf dem Balkon stehenden Pflanzen, aberihr Blick schweifte in die Ferne, schweifte bis zu dem Punkte, wo man die Spitzen deS