Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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Duroy'schen Schlosses, auf deren höchsten die Fahne des Hauses flatterte, zwischengrünen Bäumen hervorschimmern sah ein tiefcS Seufzen entrang sich ihrer Brust.

Es ist vorbei, flüsterte sie vor sich hin, jetzt werden sie drüben zur Ruhe gehenauch er, ermüdet von Genüssen, wird sich auf sein Lager werfen', und ein bunter Traumihm vorgaukeln von rauschenden Gewändern und bnntcn Blumen, von harmonischerMusik und pochenden Herzen, und das Traumbild die Wirklichkeit des verflossenen Tagesweiter spinnen.

Er wird träumen von zärtlichen Worten, von verstohlenen Blicken o siele nureinmal eine einzige Thräne, wie ich sie zu Tausenden vergossen, in den Becher seinerPhantasien, zeigte ein gütiger Traum ihm ein Bild, ernst und bleich, mit zerrüttetenHoffnungen, mit gebrochenem Herzen, aber nein, nein fphr sie fast leidenschaftlichfort, fern sei von ihm jedes Bild, das seinen Sinn zu trüben vermöchte; wie, soll michmein Leid zur Egoistin machen? Still, mein Hcrzlein, und brich aber ohne Klagen.

Sie hielt in ihrem Selbstgespräch inne, denn die Schritte eines Nahenden wurdenim Balkon-Zimmer laut, und in wenig Augenblicken erschien der Direktor Fleischer zwischenden Vorhängen der Glasthür, die in's Freie führte.

Robert Fleischer (den ihm angebotenen Adel hatte er wiederholt abgelehnt) war vonhoher, schmaler Gestalt, mit ernsten, ticfgefurchten Zügen, und stark in's Graue spielen-den Haaren. Man hatte diesen Mann noch niemals lächeln sehen, und wie ein Zugdes Schmerzes und der Entsagung hatte es sich um Mund und Nase gelegt. Er schienvöllig in seinem Berufe aufgegangen, und nur noch Sinn für die Arbeit zu haben.Aber zuweilen konnte das gewöhnlich starr auf einen Punkt gerichtete Auge einen fastjugendlichen Glanz annehmen und brennend und glühend auf einem ruhen, daß es bisin die Tiefen des Herzens ging, und dieses Funkeln und Blitzen wiederholte sich jedes-mal, wenn der Name Duroy sein Ohr streifte.

Fast erschrocken blickte Angelika, die den scharfen Blick ihres Oheims auf sich ge-richtet fühlte, zu Boden. ES war ihr, als ob er ihre Gedanken aus dem Innerstengelesen habe.

Schon so früh auf?" nahm Fleischer das Wort,oder läßt auch Dich der ver-dammte Wagenlärm nicht schlafen? Da fahren sie hin," fuhr er fort, mit der Hand

auf die Equipage deutend, die eben im Stadtthor verschwand,mit zerknitterten Kleidernund welken abgespannten Gesichtern, und glauben das höchste Gluck genossen zu haben.Schämen sollten sie sich, in diesem Aufzuge vor Gottes Morgcnsonne zu erscheinen, und

ihr Lager müde und matt in dem Augenblick zu suchen, wo die Natur gestärkt und ge-

kräftigt aufersteht."

Sie urtheilen hart, lieber Oheim," erwiederte Angelika,für gewisse Personenmag cS nicht ohne Reiz sein, die Nacht zum Tage, und den Tag zur Nacht zu machen.Zudem sind es ja meistens junge Leute, die wie man mir berichtete gestern aufLas Schloß geladen waren, die jungen Mädchen hatten viel von den großartigen Anstal-ten zu erzählen, die der alte Baron zu diesem Feste getroffen hatte."

Ja, der alte Köder lockt noch immer," unterbrach sie der Oheim grollend.Nochputzen die Mütter lieb' Töchtcrlein, wie eine Wachspuppe, und fähren es auf Brautschaunach Schloß Duroy, aber sähen sie die Pulvcrtoune, die unter Schloß Duroy liegt undnur des Zündens harrt, um das ganze Puppenspicl in die Luft zu blasen, sie würdenentsetzt zurückweichen, wie der treulose Sturmvogel vor dem strandenden Schiffe."

Angelika erfaßte sanft die Hand des alten Herrn.Oheim," redete sie sanft,kann selbst dieser schöne GottcSmorgen in Ihnen nicht die Gefühle des Grolles ersticken,den Sie gegen den Baron Duroy tief und zäh im Innern tragen? Es muß eineschwere That sein, die der alte Baron an Ihnen begangen hat, eine That, die ich, dieihn stets heiter und liebreich gesehen, kaum zu fassen vermag. Mit dem Groll, lieberOheim, geht es oft wie mit einer Wuchcrpflanzc. Hat man den ersten Keim einer Ab-