Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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Neigung in sein Herz gesenkt, sa schlägt er Wurzel, und vertilgt man ihn nicht, sowächst er fort, und jedes Gefühl des Herzens überwuchernd, wird er zum Giftbaum desHasses, der jede tiefere Regung vernichtet. Vielleicht ist dies auch bei Ihnen der Fall,lieber Oheim."

Der Direktor schüttelte das Haupt.Du irrst," sagte er,mein Haß gegen Duroyist keine Wucherpflanze, es ist eine Eiche, die ein erfahrener Gärtner setzte und die sichmehr und mehr ausdehnt in Kraft und Stärke, eine Pflanze kannst Du ausreißen, einerEiche Wunden vernarben wieder, wie tief sie auch seien, vernarben, wie mein Herzvernarbte denn sieh, Angelika, ich hatte einst ein Herz, ehe die Akten seine Stelleannahmen."

Das Mädchen verstummte eine Weile.Ich ehre Ihren Schmerz, Oheim, abervergessen Sie nicht, daß Sie ein Mensch sind, und in dem Kreise Ihrer Mitgcschöpfeberufen, um Recht zu sprechen nach Ges tz und Gewissen. Sie sind Richter, Oheim,treten Sie selber hin vor die Schranken Ihres Innern und fragen Sie sich im Strahleder jungen Gottessonue: Ist Ihr Haß gegen Duroy gerecht?"

Er ist gerecht bei dem ewigen Lichte!" rief Fleischer glühend.Einst kann ichDir erzählen, welchen Schatz mir dieser Mann raubte, wie elend, wie bübisch ich umseinetwillen betrogen ward. Aber nicht für mich allein, habe ich Rechnung von ihm zufordern; im Namen der Menschheit trete ich vor ihn und frage: Was hast Du mit demDasein gethan, das der Wille Gottes in Deine Hand legte? Zu welchem nützlichenStaatsbürger, zu welchem Mitglied der Gesellschaft erzogst Du Deinen SohnDeinen Rudolph?"

Rudolph!" rief Angelika erglühend,was haben Sie an dem jungen Mannzu tadeln, Oheim? Ist er nicht gut, liebenswürdig wie Einer? Ist nicht sein Herzgebildet wie sein Geist?"

Nennst Du eine oberflächliche Aneignung der gesellschaftlichen Formen Bildung?fragte Fleischer heftig.Meinst Du, es sei genug, wenn ein Mann eine leichte Con-vcrsation zu führen und leichte Lieder mit Geschmack vorzutragen weiß? Laß doch heuteden Juuker verarmen, laß ihn genöthigt sein, sich sein Brod, seinen Lebensunterhalt selbstzu verdienen, und dann frage den ärmsten Bauernknccht, der sich seinen Tag mit Dreschenund Düngen verdient, ob er geneigt ist, mit dem hochgeborenen Herrn von Duroy zutauschen?"

Nie wird hoffentlich dieser Tag erscheinen," rief Angelika fast wider Willen heftigund leidenschaftlich.

Der Alte fixirte sie scharf, sein Antlitz nahm eine gelbliche Farbe an.Was treibtDich denn," fragte er gedehnt,Dich plötzlich zum Anwalt der Duroy's auszuwerfen?Fürwahr, man sollte glauben, Du seiest in die Zierpuppe von Rudolph verliebt, trotzDeiner siebenunddreißig Jahre wohlgezählt" fügte er leise hinzu.

Eine edle Nöthe des Unwillens malte sich auf den feinen Zügen Angelika'S.Würde ich mit einem Manne über Gefühle des Herzens reden, der selber herzlos ist,wie Sie mir so eben gestanden, Oheim?" fragte sie.

Herz!" grollte Fleischer,das Herz ist eine Phantasie des überreizten Blutes, fürEuch Frauenzimmer mag dies Ding cxistiren, mich verschone mit seinem Namen. Kommtdoch nun bald Deine Cousine und Pathe hierher, mit der magst Du dann genug vondergleichen Dingen reden; aber hüte Dich, ihr den Kopf zu verdrehen, denn ein armesMädchen wie sie, hat keine Zeit, phantastischen Grillen nachzuhängen."

Sie ist nicht arm," unterbrach Angelika den Oheim.Hätte sie mir früher ihreLage nach dem Tode ihrer Eltern entdeckt, ich hätte ihr nicht gestattet, eine untergeordneteStellung bei fremden Leuten anzunehmen."

Das Gespräch der Verwandten war durch das Heranrollcn eines' Wagens unter-brachen, der von der Stadt her sich dem Hause näherte.