Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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Ein kleiner alter Mann in einem einfachen grauen Neiseanzuge saß auf dem RücksitzdeS offenen Fuhrwerkes.

Wie ein Strahl der Freude überzog es das Antlitz des DircktorS beim Anblick deSMannes, während Angelika das Antlitz mit sichtbarer Verachtung von ihm wandte, alsder Betreffende den Wagen verließ und hinaufgrüßte.

Dir gefällt Lindenau nicht, wie es scheint?" wandte sich Fleischer an seine Nichte,freilich ist er ein notorischer Wucherer, der hundert Familien in's Unglück stürzt, ohnedaß ihm eine Ader schlägt, oder man ihm von Seiten des Gerichtes etwas anhabe«kann, aber mir ist er werth, wie mein Leben."

(Fortsetzung folgt.)

König Ludwig und Kaulbach.

AuS dem Leben des vor einem Jahre verblichenen großen Kunstmäccns Ludwig l.von Bayern bringt derSalon"vertrauliche Mittheilungen" wie es scheint,auS der Feder des Grafen Pocci . Sehr glaublich wenn man die Eigenart diesesmerkwürdigen Fürsten kannte ist folgende Episode, welche sich ereignet haben soll,als Kaulbach seine Entwürfe zu dem großen Reformationsbilde im Trcppenhause desBerliner Museums machte. Während Kaulbach vor diesem ersten Entwürfe, auf demkaum erst die Architektur des Schauplatzes und einige Hauptgruppen leichthin skizzirtwaren, saß und kreidete, wischte, schabte und fleißig fortrauchte, kam der greise König beieinem Nundgang, stets Zickzack, hastig und wie unsicher auf den Beinen schreitend, zuKaulbach's Staffelci, setzte sein Binokle auf und sah dem Meister, der sich durchausnicht rührte, über die Schultern, höchst aufmerksam, die in ihrem Sujet noch schwer er-kennbare Zeichnung betrachtend. Plötzlich, als blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf,rief der König in erstauntem Tone:WaS machen Sie denn da, lieber Kaulbach?"Den Entwurf zum Neformationsbilde, Euer Majestät! Als sechstes Wandgemäldenach Berlin bestimmt," erwiderte der Künstler sehr laut, um gehört zu werden, drehtesich aber auch jetzt nicht um, sondern rauchte und kreidete weiter Als hätte den altenHerrn ein kalter Wasserstrahl unversehens getroffen, so fuhr der König bei diesen Wor-ten empor und schrie mit vibrirender Stimme:Was? Die Reformation? Und nunalso doch? Wer hat denn das entschieden?"Befehl aus Berlin, " lautete die Ant-wort des ruhig forttreibenden Künstlers.Die Reformation?" schrie der alte Herrnoch lauter.Und für Berlin ? Und ein so großer Meister wie Kaulbach gibt sichdazu her? Das ist das Aergste, was ich erlebe!" Rasch drehte sich der große Künstlerum, erhob sich in ganzer Figur vom Schemel, auf den. er saß, schob die Brille in dieHöhe und die Samnietmütze nach rechts und sagte laut und mit ruhiger Bestimmtheit:Majestät vergessen, daß ich selbst Protestant bin." König Ludwig, in höchster Aufre-gung, die rechten Worte zu finden, um sich begreiflich zu machen, fiel dem Künstler indie Rede:Nein, Sie mißverstehen mich, Kaulbach! Ich will nicht auf die konfessionelleSeile der Frage anspielen; in meinem Lande waren die Protestanten stets frei, und ichhabe doch auch Luther in die Walhalla gestellt! Nein, meine Entrüstung gilt der künst-lerischen Aufgabe. Wie wollen Sie denn einen Gedanken malen, eine geistige MeinungPlastisch darstellen? Es ist unwürdig eines so großen Künstlers, sich zu solch' einerartistischen Vcrirrung herzugeben." Und der König redete sich so in Eifer, daß er imAtelier hinab- und hinauslief, mehrmals ärgerlich aufstampfte und allerlei unverständlicheAusrufe that, während Kaulbach längst schon wieder ruhig weiter kreidete. Endlich ergriffder alte Herr einen alterthnmlichcn Stuhl, der in der Nähe der Staffelci stand, undeiferte laut fort, wie im Selbstgespräch:Die Reformation malen! Und gar noch fürBerlin ! Wissen Sie, und damit Sie sehen, wie unparteiisch und objektiv ich bin: ich