Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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habe dem Großherzog von Weimar gerathen, die Reformation und ihre Zeit auf derWartburg zu verherrlichen; dorthin gehört ihre Glorifikation, dort hat sie doch wenigstenshistorischen Boden; von dort ist sie ausgegangen. Aber was will man mit der Refor-mation in Berlin ? Wie kommen diese historischen ParvenuS zur Reformation? Wieunterstehen sie sich, deren geistige Bedeutung sich anzueignen, um ihrem Militärstaat auchdiesen Nimbus zu verleihen? Und dazu gibt sich ein Kaulbach her! Auf die Wartburg gehört die Reformation, auf die Wartburg, oder auch nach Wittenberg meinetwegen. . .aber nach Berlin ! ..." Und der greise König war in so unglaubliche Erregung ge-kommen, daß er den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne faßte und ihn so heftig zuBoden stieß, daß er krachte und fast in Trümmer ging. Dann machte er Plötzlich halbrechts, zog sich den Hut in'S Gesicht und ging, ohne weiter zu grüßen, mit hastigenSchritten davon. Man sah ihn hinter den Bildern verschwinden und hörte noch, wie erdie Flügelthür heftig hinter sich zuwarf.

Sonntag in den Tuilerien.

Einem jüngst vom Groß-Kammerherrn erlassenen Befehle zufolge dürfen am Sonntagkeine Micthskutschcn in den Tuilerienhof einfahren. Personen, welche zu den musikalischenMessen, die jeden Sonntag in der kaiserlichen Kapelle nach dem Ceremonie!! zur ZeitLudwig des XIV. celebrirt werden, Einladungen empfangen, müssen entweder zu Fuß oder inPrivat-Equipagen kommen. Die Celcbration dieser Messen geschieht durch den Bischofvon Arras, Monsignor Timarchc, obwohl dieselbe eigentlich dem Erzbischof von Paris ,als Groß-Almosenier des kaiserlichen Hofstaates zusteht. Abbö Cattoli, Generalvicar derDiverse von Paris , fungirt als kirchlicher Cercmonienmeistcr, wobei ihm 5 Sub-Almo-fernere assistircn. Den Dienst bei der Messe versehen kleine Knaben, welche den ältestenFamilien des Landes, die Anhänger des Kaiserreichs geworden sind, angehören. ImCourt Guide" figuiren sie als Marquis, Grafen und Bicomtcs. Da der Kaiser auchan Sonntagen mit Staatsangelegenheiten sich beschäftigt und mit den Ministern confcrirt,so finden in der kaiserlichen Kapelle, außer während der Fastenzeit, keine Predigten statt,und der Gottesdienst dauert mithin nur etwa 25 Minuten. Um 1 Uhr kündigt einThürhüter an:Ihre Kaiserlichen Majestäten, und Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz,ihr Sohn" und unter dem Vortritt der Herzoge von Cambaccrcs und Bassano, unddem Corps der Kammerherrcn, erscheint die kaiserliche Familie im Hauptgange der Kapelle,und begiebt sich, nach jeder Seite hin sich verbeugend, nack> ihren Plätzen vor demAltar. Ihr folgen die Generäle Flcury, Ncy (Prinz von der Moskwa ), M. Le Prote,der Ober-Jägermeister, die 16 dienstthuenden Adjutanten, und der Präfckt des Palastes'Die Damen vom Hofe, einschließlich die Oberhofmcistcrin, die Gouvcrncß des Kindesvon Frankreich , die Palast- und Ehrcn-Damen, und die Vorleserinnen der Kaiserin,nehmen ihren Platz im Hintergründe der Kapelle ein. Die Anwesenheit der Königin vonSpanien , welche in der Regel in Begleitung der ihr in's Exil gefalzten Granden er-scheint, trägt dazu bei, den Reiz der Kapelle, welche, durchweg mit Sammt und Seideausgepolstert, einem Juvelenkästchcn gleicht, wesentlich zu erhöhen. Die Musik ist exquisite.Ander führt den Täktstoff, und die Vocalparthicn sind den Damen Nilsson, Sas, B och,Mauduit und den Herren Faurc und Stellar anvertraut. Nahe am Hochaltar stehenDrio-iliou Stühle, auf welchen der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz knien.Währenddem Ihre Majestäten ihre Andacht verrichten, müssen die Kammcrhcrrcr stehen.Alle andern sitzen oder knien. MdSll. Nilsson singt gewöhnlich das Domino sslvum,welches als ein Solo arrangirt worden ist. Ihre klare, hohe Sopranslimme übt aufKirchenmusik angewendet einen erhebenden und bewundernswürdigen Eindruck auf denZuhörer. Nach Beendigung des Gottesdienstes hält der Kaiser im Vestibül der Kapelleeine Art Lcvöc, zu dem aber gewöhnlich nur Franzosen Zutritt haben.